Editorials: Drehfertig unter 10.000 Euro: Blackmagic URSA Mini Pro, Canon C200 und Panasonic AU-EVA1

22.06.2017 von Rudi Schmidts



Böse Zungen könnten behaupten, dass die beiden Neuzugänge von Canon (EOS C200) und Panasonic (AU-EVA1) eine klare Reaktion auf Blackmagics URSA Mini Pro sind. Denn im direkten Feature-Vergleich scheinen sich die Konkurrenten Canon und Panasonic deutlich auf Blackmagics Top-Modell zuzubewegen, was für alle potentiellen Käufer zuerst einmal erfreulich ist. Eine so deutliche Umwälzung im Markt der 4K-Cinekameras hatten wir in diesem Jahr noch gar nicht erwartet.

Die Blackmagic URSA Mini Pro
Die Blackmagic URSA Mini Pro

Interessanterweise packt keiner der neuen Konkurrenten alle Features der URSA Mini Pro in sein Produkt, sondern es fehlen vereinzelt relevante Features wie interne RAW-Aufzeichnung (Panasonic) oder 4,6K Oversampling (Canon). Dafür glänzen die Neuzugänge mit äußerst kompakten Gehäusen sowie individuellen Stärken wie dem Dual-Pixel Autofokus (Canon) oder einem Dual-Native-ISO Sensor (Panasonic).

EF-Mount jetzt Quasi-Standard?

Canons EF-Mount scheint sich in der Preisklasse der Cinecams jetzt als Quasi-Standard durchzusetzen, denn praktisch jedes Modell wird bevorzugt mit dieser Mount ausgeliefert. Viele Hersteller (so auch Canon selbst), bieten als Alternative auch die bei Filmproduktionen eigentlich übliche PL-Mount an. Doch im Preisbereich unter 10.000 Euro passen die weitaus günstigeren Canon-Optiken dann eben doch irgendwie besser zur angepeilten Käuferschicht. An der Canon C200 kann dazu der Autofokus dank DualPixel Technologie sogar per Touchscreen für präzise Schärfeverläufe genutzt werden. Bei den Konkurrenten läuft der EF-Autofokus dagegen eher (wenn überhaupt) als beiläufige Funktion, die oft behäbig reagiert und meistens nicht universell zu gebrauchen ist. Ob Panasonic in dieser Disziplin noch positiv überraschen kann, wird sich zeigen.

Dazu muss man Canon und Panasonic zugestehen, dass ein Preis zwischen 8.000 und 9.000 Euro selbst gegenüber dem Preisbrecher URSA Mini Pro nicht schlecht dasteht. Denn das Blackmagic Topmodell kostet drehfertig ohne Sucher (aber mit zusätzlicher Akkuplatte und Akku) auch bereits 7000 Euro inkl. MwSt.

Die Canon C200
Die Canon C200

Bei Canon bekommt man dann für 2.000 Euro Aufpreis das deutlich kleinere und leichtere Gehäuse (inkl. Akku!) sowie einen Sucher sowie die zusätzlichen Möglichkeiten durch den Dual-Pixel Autofokus. Solche Features dürften dem einen oder anderen Anwender sicherlich den Aufpreis mehr als wert sein. Hinzu kommt das vielleicht auch nur subjektive Gefühl der hohen Zuverlässigkeit von Canon-Kameras sowie die breite Anwenderschicht aktueller Canon Cinema EOS Besitzer.

Ähnliches gilt für Panasonic: Auch hier punkten die zu erwartende Zuverlässigkeit, der DUAL-ISO-Varicam-Workflow und ein kleines Gehäuse gegen einen relativ moderaten Aufpreis zur Blackmagic URSA Mini Pro.

Die Panasonic AU-EVA1
Die Panasonic AU-EVA1

Wer nun RAW als Argument ins Spiel bringt, sollte sich noch gedulden. Inwieweit Canon Cinema Light RAW und Panasonics 400MBit 10 Bit Intra-Codec signifikant schlechtere Ergebnisse gegenüber echtem RAW bedeuten, muss sich noch zeigen. Was die Formate und Medienpreise angeht, bleibt Blackmagic mit 2 x CFast und 2 x SD-Aufzeichnung in RAW, Compressed RAW und ProRES jedoch unbestritten aktuell die flexibleste Wahl.

Bei Slow-Motion in 4K stiehlt kein Modell den anderen die Show. Mehr als 4K/60p sind bei niemandem drin. Allerdings bietet nur die URSA Mini in 60p alle Formate in bester Qualität.

Und Sony?

Eigentlich hat Sony mit der ersten FS7 sogar die Geräte-Gattung in diesem Preisbereich (sehr erfolgreich) definiert. Jedoch ist die FS7 mit eigener E-Mount und relativ teuren XQD-Karten nicht mehr direkt mit der C200 und der AU-EVA1 vergleichbar. Auch hat sie nur einen 1:1 Sensor-Readout mit nicht gerade anerkannt cinematischen Farbprofilen und sie ist nicht bemerkenswert kompakt. Die FS5 kann dagegen bei der Portabilität punkten, passt jedoch wegen ihrer internen 8 Bit Limitierung nicht ganz in diese neue Liga der Cinema-Kameras unter 10.000 Euro. Wir erwarten jedoch stark, dass auch Sony einen FS5-Nachfolger mit stark komprimierten RAW oder 10 Bit Aufzeichnung auf den Markt bringen wird. Alleine um den den neuen Canon und Panasonic Angeboten wieder im direkten Vergleich näher zu stehen.

Und Terra/RED?

(Wahrscheinlich nicht nur) uns persönlich sagt eine komplette, drehfertige Ausstattung einer S35-Kamera mit integriertem ND-Filter und professioneller XLR- Audio-Abteilung sehr zu, was man bei der bislang günstigsten RED Raven in diesen Preisgefielden nicht erwarten kann. Selbst die Kinefinity Terra 6K inkl. XLR-Audio Modul und Monitor steht nun nach den Ankündigungen von Canon und Panasonic nicht mehr sonderlich günstig oder außerordentlich kompakt da. Dazu fehlen im direkten Vergleich die internen ND-Filter. Im Gegenzug sind die Slow-Motion-Möglichkeiten bei Red und Terra besser ausgestaltet.

Where are we now?

Kameras wie die URSA Mini Pro und jetzt eben Canons C200 und Panasonics AU-EVA1 treiben die Demokratisierung der Kinoproduktion in diesem Jahr 2017 auf einen neuen Höhepunkt. Die Möglichkeit mit XLR-Audio sowie eingebauten ND-Filtern mit hochwertigen Fotoobjektiven auf günstigen Speichermedien in RAW oder 10 Bit Log zu produzieren, das gab es vor 12 Monaten -wenn überhaupt- erst weit über 10.000 Euro zu erstehen.

Die klassischen Hersteller von Cinekameras wie ARRI oder RED können sich da eigentlich nur noch durch etwas bessere Slow-Motion-Möglichkeiten und etwas höhere Dynamik oder Auflösung von diesen Geräten absetzen. Der visuelle Abstand aktueller RED oder ARRI Modelle zu den Newcomern 2017 fällt damit sehr viel geringer aus als in den Jahren zuvor. Schon aus diesem Grund werden die alteingesessenen Hersteller nun versuchen müssen, die Sensorgröße für typische Hollywood-A-Kameras anzuheben. Dabei will man aktuell sogar über Kleinbild hinaus in Richtung Mittelformat gehen. Damit lassen sich dann auch neue Cine-Optiken mit größerem Bildkreis gegenüber günstigen Fotooptiken rechtfertigen. Aber dieser Schritt ist gerade erst sprichwörtlich im Gange.

Wer darauf nicht bauen will oder muss, kann dagegen in Kürze drehfertige S35-Filmkameras unter 10.000 Euro kaufen, die in der Qualität über allem liegen, was man bis vor 10 Jahren selbst in teuersten Spielfilmproduktionen an Kameratechnik zur Verfügung hatte. Und das gleich von drei Herstellern.

   

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