Editorials: AMD RX Vega - Zu teuer für den Videoschnitt?

20.08.2017 von Rudi Schmidts



Während in der CPU-Prozessor-Sparte AMD mit Ryzen, Threadripper und Epic einen guten Lauf hat, scheint es in der GPU-Sparte weniger rund zu laufen. Nach dem letzten Mining-Hype tauchen nun zwar endlich wieder zumindest ein paar RX580 Karten im Handel auf, jedoch sind diese immer noch spürbar teurer, als bei deren Vorstellung vor ein paar Monaten. Angeblich nutz(t)en hier die Händler die knappe Versorgungssituation aus, um die eigene Marge zu erhöhen.

Zum weltweiten Verkaufsstart von Vega am letzten Montag wollte AMD nun wohl selber etwas von den Händler-Profiten abgreifen und hat sich dabei in einer höchst zweifelhaften Marketing/PR-Aktion verrannt.

Dazu ein paar Worte vorneweg. AMDs Vega-Chip ist ein mehr oder weniger direkter Konkurrent zu Nvidias GTX1070 und GTX1080 Karten. Da der Chip jedoch nicht nur für Gaming- sondern zugleich auch für professionelle GPU-Anwendungen konzipiert wurde, trägt er viele Funktionen in sich, die man beim Gaming kaum sinnvoll nutzen kann und die dennoch relativ viel Strom im Betrieb verbraten. Diese zusätzliche Funktionalität ist eher für komplexe Rechenaufgaben wichtig, vergrößert jedoch auch die Chipfläche und damit die Kosten für die Herstellung der GPU. Auch der verwendete HBM-Speicher ist relativ teuer und angeblich weiterhin schlecht verfügbar.

!

Dies brachte AMD nun in die unkomfortable Situation, dass man a) weniger Vega-Karten produzieren konnte als geplant und b) diese zu konkurrenzfähigen Preisen als Gaming-Karten sehr wenig Marge abwerfen.

Zum Marktstart am Montag dem 14. August vermeldete die AMD-Pressestelle folgendes:

“Gamer, die bereits über einen Enthusiast-PC und Monitor verfügen aber die grafischen Fähigkeiten mit einer bahnbrechenden Technologie steigern möchten, können dies nun mit der luftgekühlten Radeon RX Vega 64 zu einem Preis von 499 EUR in die Tat umsetzen. Radeon RX Vega 56 Grafikkarten sind voraussichtlich ab dem 28. August zu einem Preis von 405 EUR erhältlich.”

Die Presse erhielt für eigene Tests die Karten sehr spät und hatte in der Regel nur drei Tage über das Wochenende Zeit für eigene Reviews. Als diese Tests am Montag mit dem Fall des NDA erschienen war das Fazit ziemlich eindeutig: Die Karten liegen in der Leistung an vergleichbaren Nvidia Modellen (GTX1070 = Vega 56, GTX1080 = Vega 64), verbrauchen allerdings deutlich mehr Strom. Die veranschlagten Preise klangen dabei immerhin konkurrenzfähig.

Doch leider gab es am 14.August die RX Vega 64 Karten nur für ein paar Minuten zu diesen Preisen zu kaufen. Kurz danach schnellten die Preise nach oben und die Verfügbarkeit der Karten schien sofort gegen Null zu gehen. AMDs Pressestelle in Amerika sprach via Twitter von einer unerwartet hohen Nachfrage und dass man versucht ist schnell Nachschub bereitzustellen. Doch dieser “Nachschub” liegt in Deutschland schon seit 15. August bei diversen Händlern gut verfügbar in den Regalen, allerdings zu Preisen die deutlich über dem UVP von AMD liegen (aktuell immer noch mindestens 649 Euro für die RX Vega 64). Von Knappheit daher keine Spur. Und der Preis erklärt sich plötzlich dadurch, dass die in der Pressemitteilung genannten Preise nur Einführungspreise gewesen sein sollen. “

Weitere Verwirrung stiften dabei sogenannte “Blackpack”- Versionen mit Gratisspielen und Gutscheinen für verbilligten AMD-Komponenten-Kauf. Wenn diese den Preis der Grafikkarte jedoch so deutlich erhöhen sind es eben wohl keine Gratisspiele sondern in unseren Augen eine verdeckte Preiserhöhung.

!

Doch wie es aussieht greifen zu diesen Preisen weder die üblich verdächtigen Miner zu, noch scheint die Karte für Gamer besonders interessant zu sein. Ist auch kein Wunder, denn für 50 Euro Aufpreis kann man aktuell schon mehrere GTX 1080 Ti Custom-Modelle erstehen, die im Gaming-Bereich noch eine Liga über der Vega 64 spielen.

Das wäre alles kein Beinbruch, wenn man nicht das Gefühl hätte, dass AMD hier bewusst versucht hat Kunden und Presse zu täuschen. Denn in allen bereits erschienen Reviews wird die Vega 64 (teilweise auch als Blackpack-Version) an ihrem Preis von 499 Euro gemessen und beurteilt. Für 649 Euro wäre dagegen so mancher Kauftipp sicherlich nicht ausgesprochen worden.

Anscheinend hatte AMD gehofft, dass selbst für 649 Euro die Karte genügend Absatz findet und alle Vorräte in Deutschland auch zu diesem Preis weggehen werden. Doch gerade hierzulande lohnt sich eine Vega 64 aufgrund des Stromverbrauchs zum Mining kaum noch, auch wenn die brachiale Mining-Rechenleistung sogar leicht über einer GTX 1080Ti liegt.

Und genau dies führt uns zu unserem eigentlichen Punkt. Tatsächlich könnte die Rechenleistung der Vega 64 unter Resolve oder anderen GPU-lastigen Applikationen auf dem Niveau einer GTX 1080Ti landen, da in diesen Anwendungsgebieten die Vega 64 mit ihrer puren Rechenleistung glänzen kann. Doch leider kostet die Vega 64 aktuell auch fast so viel wie die GTX1080Ti, verbraucht mehr Strom und hat weniger Speicher (8 GB vs. 11 GB).

Der bislang typische AMD-Vorteil, ähnliche Leistung für deutlich weniger Geld zu bieten ist somit aktuell nicht gegeben. Die Vega 64 ist schlichtweg zu teuer um gegenüber einer GTX 1080Ti interessant zu sein. Und es bleibt der schale Beigeschmack, dass AMD hier vielleicht versucht hat, die Testberichte mit dem faktisch nicht verfügbaren “Einführungspreis” zu manipulieren und die Preissteigerungen anschließend “dem Markt” in die Schuhe zu schieben. Doch die erwartete Knappheit ist nicht eingetreten

Wir warten noch auf den Launch der Vega 56 am 28.August, wo ein ähnlich kurzfristiger Einführungspreis zu erwarten ist. Wer darüberhinaus etwas warten kann, dürfte wohl spätestens in ein paar Monaten günstigere Vega Karten sehen, denn Gamer werden Vega zu den aktuellen Preisen nicht kaufen, aber AMD muss Stückzahlen verkaufen um die Entwicklungskosten zu finanzieren.

Ein glückliches Ende für AMD könnte dagegen noch AMDs Entscheidung für HBM-Speicher nehmen. Denn aktuell wird eine Preissteigerung bei “normalem” GPU-Speicher um bis zu 30 Prozent bei GDDR5 erwartet. Dies dürfte dann vor allem vergleichbare Nvidia GTX-Karten der nächsten Volta-Generation verteuern (die aktuell nicht vor März 2018 erwartet werden).

[UPDATE:]

AMD USA hat kurz nach Verfassen dieses Editorials ein offizielles Statement zur (weltweiten) Liefersituation abgegeben:

“Radeon RX Vega 64 demand continues to exceed expectations. AMD is working closely with its partners to address this demand. Our initial launch quantities included standalone Radeon RX Vega 64 at SEP of , Radeon RX Vega 64 Black Packs at SEP of , and Radeon RX Vega 64 Aqua Packs at SEP of . We are working with our partners to restock all SKUs of Radeon RX Vega 64 including the standalone cards and Gamer Packs over the next few weeks, and you should expect quantities of Vega to start arriving in the coming days.”

Wir meinen dagegen: Die Liefersituation ist in Deutschland keinesfalls schlecht und AMD läuft mit solchen Aktion in die Gefahr, seinen Sympathie-Bonus als Underdog bei seinen Stammkunden zu verspielen.

   

Kommentare

 

Top