Fokus Indie-Film: Deichbullen - von YouTube zu Netflix

12.02.2018 von blip



Mit einer selbst finanzierten Web-Serie über Umwege bei Netflix zu landen, davon können die meisten Indie-Filmer nur träumen -- Michael Söth hat es mit „Deichbullen“ geschafft. Darin treffen zwei – natürlich unfreiwillig – auf´s Land versetzte Großstadtpolizisten im kleinen Kollmar an der Elbe auf allerlei merkwürdige Dorfbewohner und schnell scheint klar: hier stimmt etwas nicht. Aber was?

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Nachdem zunächst kein Sender und keine Förderung das Projekt unterstützen wollte, wurde umgeplant: das Team beschloß, es auf eigene Faust zu versuchen und drehte einige 5-minütige Folgen für das Internet (übrigens mit der Lumix GH4/GH5 gedreht). Diese kamen auf YouTube bestens an, auch auf Filmfestivals gab es Preise.

Wie es dann weiterging Richtung Netflix hat uns Michael Söth in einem E-Mail-Interview erzählt; er ist sowohl für das Buch als auch die Regie von Deichbullen verantwortlich, außerdem ist er Produzent und Cutter der Serie. Weitere Themen im Interview sind ua. die Herangehensweise beim improvisierten Drehen, die Angst der Sender, Tücken des Crowdfundings, das GH5-Setup kurzgefaßt und mehr.


Drehbuch mit Spielraum / keine Geldgeber / Crowdfunding

// Kurz vorab, für alle, die von Deichbullen noch nichts gehört haben: Wie würdest Du die Serie charakterisieren? Netflix beschreibt sie als "schräg", Du hast irgendwo von "entschleunigtem Gucken" gesprochen --

Die Sehgewohnheiten sind heutzutage an die schnelllebige Zeit angepasst. Wir sind es alle gewohnt, ständig wechselnde Informationen zu verarbeiten. Die Taktung ist dabei sehr hoch geworden. Wir schauen einen Film, der aus gefühlt 10 Einstellungswechseln die Minute besteht. Ich wollte genau das Gegenteil produzieren. Detlef Kuhlbrodt von der TAZ schrieb: „…es sei bewundernswert, sich in einem so kleinen Format Zeit zu lassen für Dinge wie Blicke, Gesichter, Landschaften und das nachklingen lakonischer Sätze.“ Ich mag es, den Zuschauer in eine andere Sehgewohnheit zu entführen.

// Die beiden Hauptdarsteller (Reverend Christian Dabeler, René Chambalu) sind keine ausgebildeten Schauspieler, die Dialoge größtenteils improvisiert. Aber ein Drehbuch gab es schon, an dem anscheinend auch die beiden Darsteller mitgeschrieben haben. Wie genau war das ausgearbeitet, wieviel wurde später improvisiert?

Die Produktion der Webserie im Vorwege hat mir sehr geholfen, das Drehbuch zu konzipieren. Ich wusste, was ich den Darstellern zumuten kann. Bei Deichbullen ist es besonders wichtig, daß die beiden Hauptcharaktere so bleiben wie sie sind. Sie sollen so handeln und so sprechen, wie es ihrem Naturell entspricht.

Im Drehbuch ist der Spielraum für alle vorgegeben. Ich achte bei der Regie dann darauf, daß der zeitliche Rahmen eingehalten wird und die wichtigen Punkte enthalten sind. Bei der Konzeption der Geschichte werde ich von den Darstellern unterstützt. Nicht nur von den Hauptrollen. Das macht das Projekt so interessant. Die Grundstory steht. Jetzt kann jeder Darsteller seine „Geisteskrankheiten“ dazupacken und seine Rolle weiterentwickeln. Ich muss dann nur schauen, daß es in meine Geschichte passt.

Beim Dreh wird dann aber nicht mehr diskutiert. Sonst wird man nie fertig.

Michael Söth mit Christian Dabeler, René Chambalu, Tini Lazar
Michael Söth mit Christian Dabeler, René Chambalu, Tini Lazar

// Wie arbeitet man am Set, wenn nicht klar ist, was genau passieren wird?

Am Set muss jeder 100% konzentriert sein, spontan und flexibel. Es ist manchmal einer Live-Situation ähnlich. Wir bereiten das Set vor. Wir besprechen, was passieren soll und könnte. Dann zeige ich die Grenzen auf. In diesem gesteckten Rahmen wird dann gedreht. Das funktioniert hervorragend und macht auch noch Spaß.

// Ihr hattet anfangs vergeblich versucht, eine Finanzierung für das Projekt zu bekommen über Sender und Förderung: kannst Du etwas dazu sagen, woran das hauptsächlich gescheitert ist? Man hört ja sehr viel darüber, wie schwer es ist, dort in bestehende Strukturen reinzukommen und auch über... sagen wir, mangelnde Experimentierfreudigkeit.

Es ist wirklich sehr schwer, ich würde fast sagen unmöglich, als Nobody in diese Strukturen zu kommen. Anfangs wollte ich dies auch nicht wahrhaben. Meiner Meinung nach besteht die ganze Branche aus purer Angst. Die einen haben Angst, mit einem neuen Projekt ein Risiko einzugehen, welches den Kopf kosten könnte. Andere haben Angst, gewohnte Pfade zu verlassen, weil das bereits Bestehende sich ja bewährt hat. Und dann gibt es noch diejenigen, die Angst vor dem Neuen haben, denn es könnte ja besser sein.

Es war für uns sehr ernüchternd, daß wir keine Geldgeber gefunden hatten. Und das obwohl wir mit den Deichbullen als Webserie Erfolg hatten.

// Letztlich habt ihr dann aber doch noch Hilfe bekommen

Wir hatten das große Glück, daß Studio Hamburg Enterprises (Thore Vollert) auf uns aufmerksam geworden sind – sie sind einen Schritt gegangen, den wir sehr mutig fanden. Und wir sind mehr als zufrieden mit diesem Partner und dem Vertrauen, welches uns entgegengebracht wurde. Natürlich wurden die Drehbücher gelesen. Aber es wurde uns in keiner Phase der Produktion reingeredet. Wir konnten völlig frei arbeiten. Ein Traum! Wir hatten allerdings den Vorteil, daß es die Deichbullen schon als Webserie gab. So konnte man sich auf Seiten Studio HH ungefähr vorstellen, in welche Richtung es geht. Kann ich nur jedem empfehlen: Macht eine Webserie mit zwei bis drei kurzen Folgen.

// Von den Kollmaranern gab es ja offensichtlich auch tatkräftige, unbezahlbare Unterstützung -- wie schafft man das, ein ganzes Dorf davon zu überzeugen, sich so für ein Filmprojekt zu engagieren?

Zeit und Ehrlichkeit ist da von Vorteil. Wenn man da nach dem Motto: „Wir sind die Kings vom Film“ ein Dorf in Beschlag nimmt, hast Du gleich verloren. Ich habe im Vorwege mir viel Zeit genommen, um mit den Menschen vor Ort zu sprechen. Auch daß wir noch ganz am Anfang sind und Geld eher Mangelware ist. Die Ehrlichkeit kam gut an. Die Kollmaraner finden es einfach klasse, daß sie ein Teil der ganzen Produktion sind. Ohne sie geht nichts. Während der Drehzeit haben wir uns selbst wie Kollmaraner gefühlt.

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// Ihr habt auch ein Crowdfunding gemacht, aber anscheinend selbst über die eigene Webseite - wie hat das funktioniert? Warum seid ihr nicht über eines der üblichen Portale gegangen?

Das Crowdfunding hat gut funktioniert. Ziel war es aber nicht, die gesamten Produktionskosten zu sammeln. Eher wollten wir damals ein wenig Geld für die Vorproduktion haben. Ich persönlich halte von dem ganzen Crowdfunding nicht so viel. Es ist viel Arbeit, das ganze in Gang zu setzen und am Leben zu erhalten. Im Netzwerk der Filmemacher ist es dann nur noch ein hin- und herschieben der Gelder. "Ich unterstütze Dein Projekt mit 50€ - jetzt unterstütze Du auch meins!" An eine breite Masse heranzukommen, ist extrem schwer. Selbst mit Hilfe der Portale musst Du selbst Dein Netzwerk motivieren. Am Ende sitzt Du dann da und tütest 200 DVD´s in Luftpolstertaschen ein.

Netflix / eine Serie schreiben / GH5

// Nachdem ihr recht schnell auf YouTube ein Publikum und auch Preise gewonnen hattet, wart ihr auf Watchever zu sehen, bis der Dienst pleite ging. Wie seid ihr danach bei Netflix gelandet, sind die auf euch zugegangen oder wie lief das?

Dank Studio Hamburg Enterprises ging dann alles sehr schnell – wir standen zu dem Zeitpunkt der ersten Kontaktaufnahme noch völlig ohne Geld zur Produktion der weiteren Folgen da. Studio HH mochte das Konzept und die Art und Weise, wie wir die Deichbullen produziert hatten. Außerdem sah man das Potential. Also boten die uns eine Co-Produktion an. Mir war Studio HH natürlich bekannt. Mit z.B. Tatortreiniger hatten die es ja auch zu Netflix geschafft. Uns ging es also weniger um das Geld, als um das Netzwerk, welches dahinter steckte. Als „Normalsterblicher“ an Netflix heranzukommen, ist fast unmöglich. Durch diese Partnerschaft standen uns die Türen offen.

Dreharbeiten 2017
Dreharbeiten 2017

// Ihr habt daraufhin neues Material gedreht -- gab es denn diesmal Gage oder decken die neuen Deals immer noch nur das Nötigste ab?

Es deckt nur das Nötigste. Aber uns ging es ja um das Netzwerk und die Möglichkeit weiter zu machen. Wir wollten die Deichbullen nicht einfach sterben lassen.

Wenn man so ein Projekt - wir sprechen hier von 150 Minuten - real kalkuliert, kannst Du gleich das Drehbuch zum Kamin anzünden verwenden. Zumindest, wenn man noch so unbekannt ist. An Geld darfst Du bei solch einem Projekt nicht als erstes denken. Viele Filmemacher reden von Leidenschaft, die in ihnen steckt. Oft kostet diese Leidenschaft bei denen aber viel Geld. Dann machen die lieber gar nichts. Ich habe Leute, die wirklich für das Projekt Deichbullen brennen. Wir alle haben investiert in ein Projekt, an welches wir glauben. Das bekommt man in der heutigen Zeit nicht mehr vergütet. Aber als Filmemacher ist es doch das grösste Ziel, seine Filme einer möglichst breiten Masse präsentieren zu können. Diese Chance hatten wir und haben sie genutzt.

Die realen Kosten konnten wir decken und es blieb für jeden auch etwas Handgeld übrig. Das Team wurde nach Tarif bezahlt.

// Zusätzlich wurden die kurzen 5-Minüter von damals nachträglich zu zwei längeren Folgen à 25 Minuten neu montiert. Das ist ja erzählerisch etwas völlig anderes, etwa vom Spannungsbogen her -- wie bist du da rangegangen?

Die Grundstory war ja für einen 90 Minüter geschrieben. Eine Serie zu schreiben, ist etwas ganz anderes. Da bin ich selbst auch noch mitten im Lernvorgang. Man merkt das der ersten Staffel auch an. Was Du beim Langfilm bereits nach 10 Minuten erzählt haben solltest, hat bei einer Serie noch 2 Folgen Zeit. Oder auch nicht! Das ist das Schwierige.

Aber das schwerste ist es, daß Du nicht weißt, wann es zu Ende ist. Woher weißt Du, wie schnell Du eine Geschichte zu Ende erzählen sollst, wenn Du nicht weißt, ob es 2, 3 oder 6 Staffeln Zeit hat? Die Deichbullen - Staffel 1 ist wie das erste Drittel eines Buches. Man muß da durch, bevor die wahre Geschichte beginnt. Jetzt hoffen wir, daß wir die Chance bekommen diese Geschichte auch wirklich zu erzählen.

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// Gedreht wurde auf der Panasonic GH5, bzw. die ersten Aufnahmen waren wahrscheinlich mit dem Vorgänger..?

Die Wahl für die Panasonic GH4 bzw. GH5 ist einfach: Die Geräte waren einfach da. Und wenn man kein oder fast kein Budget hat, ist eine Varicam oder ähnliches einfach nicht machbar. Man hat für kleines Geld schnell mal 2-3 Kameras am Set, die ein ordentliches Bild liefern. Besser geht immer, aber für unser Projekt war es ideal.

// Für welche Objektive habt ihr euch entschieden, hattet ihr auch einen Speedbooster im Set-up? Wie wurde das Bild stabilisiert?

Wir haben mit der GH5 in einem Ronin M gedreht. Das funktionierte super.

Optiken waren diese hier: ZEISS ZF.2 (21/28/35/50/85mm) + Metabones Speedbooster

// Schätzungsweise habt ihr ja in 10bit gedreht -- in V-Log? Wenn ja, welche LUT kam nachher zu Einsatz? Wie sah der Workflow da genau aus, auch in der Post / beim Grading?

Wir hatten die Webserie mit der GH4 in CineD gedreht, denn in 2015 hatten wir kein V-Log. Deshalb haben wir uns beim Dreh in 2017 mit der GH5 ebenfalls für Cine D entschieden. Ich habe den Film mit Final Cut X geschnitten. Das Grading hat mein Kameramann Hannes Gorrissen mit Premiere gemacht.

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// Derzeit geht es darum, ob Deichbullen auch bei einem normalen Sender laufen wird - geht das denn überhaupt, wenn die Serie bei Netflix zu sehen ist (sowie Amazon Prime, iTunes und auch als DVD)?

Wusste ich auch nicht, daß es geht. Ja, man kann alles zeitgleich anbieten.

// Und natürlich, last but not least: Wie sieht es denn mit einer zweiten Staffel aus? Ist da schon etwas entschieden?

Die ersten 3 Monate in 2018 werden entscheiden, ob es mit den Deichbullen weitergeht. Die Story steht. Das Drehbuch ist in Arbeit. Wir haben alle Bock. An uns soll es nicht scheitern.

// Wir drücken die Daumen… Vielen Dank!

Hier geht es zur Deichbullen-Webseite mit weiteren Infos

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