Test: Panasonic AG-CX350 - 4K-Camcorder mit allem drin und dran?

20.02.2019 von Rudi Schmidts



Wie schon die Canon XF705 will auch die Panasonic AG-CX350 in erster Linie ein universelles 4K-Arbeitstier sein, welches als All-In-One-Lösung möglichst kompromisslos zu Werke geht und sich in bestehende Workflows (unter anderem bei Sendern) gut einbindet. Außerhalb eines szenischen Einsatzes sind funktionelle Features dabei oft weitaus wichtiger als das letzte Quäntchen Bildqualität. Große Flexibilität, schnelle Einsatzbereitschaft, blinde Bedienung, lange Akkulaufzeit und wenig bis keine Zubehör-Anbauten steht bei der potentiellen Kundschaft professioneller Camcorder meist im Vordergrund.

Die Ausstattung

Die Panasonic AG-CX350 fällt dabei etwas kompakter aus, als ihr aktuell größter Konkurrent, die bullige Canon XF705. Durchaus verwunderlich, denn der Sensor ist mit einem Zoll ebenso groß. Die Optik ist sogar noch etwas weitwinkeliger und bietet gleichzeitig einen größeren, 20-fachen Brennweitenbereich.

Die Panasonic AG-CX350
Die Panasonic AG-CX350

Die übrige Ausstattung ist für die Geräteklasse "amtlich": So gibt es 2-Kanal-16-Bit-48-kHz XLR-Audioaufzeichnung, SDI-Output, Timecode, einen dreistufigen ND-Filter (1/4, 1/16, 1/64), einen Waveformmonitor sowie zwei SD(HC/XC)-Karten Steckplätze. Diese stehen nicht nur für Dual-Recording oder Relay-Aufnahme zur Verfügung, sondern bieten auch noch eine dritte, interessante Möglichkeit: Auf der ersten Karte landen alle Takes wie vom Kameramann bestimmt. Auf der zweiten Karte findet gleichzeitig ein permanentes Background-Recording satt, welches einfach alles mitschneidet, solange die Kamera an ist. Hier könnte sich dann evtl. noch wertvolles Material finden lassen, das der Kameramann ansonsten "verpasst" hätte.

Über der Handschlaufe findet sich eine große, sensitive Zoomwippe, dazu gibt es noch eine kleine, an der Oberseite des Tragegriffs. Von dort lässt sich auch der Player steuern, um die aufgezeichneten Clips direkt vor Ort begutachten zu können.

Sensor und Optik

Der 1-Zoll Sensor überrascht erst einmal mit seiner hohen Bruttopixel-Angabe: Mit 15.030.000 effektiven Pixeln besitzt er weitaus mehr Sensel, als für einen 4K-Camcorder auf den ersten Blick notwendig erscheinen. Für 4K-Modelle kommen typischerweise 8-9 Millionen effektive Pixel zum Einsatz.

Das fest verbaute Objektiv startet bei Blende 2,8 und endet bei Blende 4,5 im 20-fachen Zoombereich. Der Weitwinkel startet bei kleinbildäquivalenten 24,5mm und geht bis zu 490mm. Die Objektivkonstruktion verfügt über drei manuelle Steuerringe für Blende, Fokus und Zoom, die alle über Servomotoren arbeiten. Für unseren Geschmack ist dabei die Übertragung etwas zu träge implementiert. Eine Drehbewegung wird nicht unmittelbar in die Aktion umgesetzt, sondern immer erst mit einer leichten Verzögerung. Dabei kommt es auch nicht zu einer Abdämpfung oder einem verlangsamten Starten oder Stoppen einer Aktion, was diese Trägheit eventuell rechtfertigen könnte.

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Display und Sucher

Das 3,5-Zoll-LCD-Display der Panasonic AG-CX350 wirkt in Zeiten omnipräsenter Smartphone-Displays eher klein und ist touchfähig. Die Menüstruktur bleibt dennoch primär auf Joystick-Nutzung ausgelegt, was auch eine Bedienung mit Blick auf den Sucher möglich macht. Es spricht jedoch nichts dagegen, direkt mittels Touch durch die Punkte auf dem Display zu steppen.

Das Display kann nur zur linken Seite hin aufgeklappt werden. Die Auflösung des 16:9-Bereichs wird durch gerade einmal 1.370.000 Dots erzielt, was bei der Display-Größe an der grenze zu sichtbaren Pixelkanten liegt. Der Sucher kommt mit 1.770.000 Dots im 16:9-Bereich auch kaum auf höhere Werte und sorgt ebenfalls für subtil sichtbare Pixelstrukturen.

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Was uns am meisten Kopfweh bereitete war jedoch das manuelle Fokussieren. Sowohl Display als auch Sucher zeigten keine echten 4K Details (die zugehörige Aufnahme jedoch schon). Stattdessen werden Pixel bei voller Vergrößerung auf dem Display wiederholt. Das macht die Darstellung vielleicht noch etwas besser sichtbar, aber nicht detaillierter. Auch das Peaking kann in feinsten Strukturen nicht mehr greifen. Bei vielen Sony- oder Canon-Kameras stößt man auf ein ähnliches Verhalten. Der Grund liegt meist in den DSPs, die nicht mehrere 4K Signale (eines für die Aufzeichnung und eines für die Vorschau) verarbeiten können.

Der Autofokus beherrscht glücklicherweise auch eine Touchfunktion, allerdings ist diese ziemlich gut versteckt und nur über die Multifunktionsrad Icons (Stichwort AREA) zugreifbar. An Canons DPAF-Möglichkeiten kommt die AG-CX350 nicht heran, weder im Autofokus noch bei den manuellen Fokussierhilfen.

Bedienung

Wer schon einmal einen ENG-Camcorder bedient hat, kann auch an der Panasonic AG-CX350 sofort loslegen. Viele Tasten finden sich an den typischen Stellen und fast alle relevanten Einstellmöglichkeiten lassen sich an der Außenhaut über Schalter einstellen ohne ins Menü wechseln zu müssen. Mit etwas Erfahrung lässt sich die Kamera so zügig im Blindflug bedienen, also ohne den Blick vom Sucher oder Display abwenden zu müssen.

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Wir müssen allerdings eingestehen, dass uns die klassische Bedienung eines typischen Profi-Camcorders mittlerweile weniger zusagt, als die Bedienkonzepte moderner Systemkameras mit Wechseloptik. Vieles erscheint uns für heutige Verhältnisse umständlich gelöst - trotz direktem manuellen Zugriff auf wichtige Parameter. Warum gibt es beispielsweise drei Gain-Schalter-Einstellungen (deren Werte man vorher im Menü festlegen muss) statt einem Drehregler? Klassische EB-Kameraleute sehen das jedoch vermutlich anders.

Die AG-CX350 kann in diversen Bildprofilen aufzeichnen, unter anderem auch in HLG. Auffällig ist jedoch das Fehlen des V-Log-Profils, das Panasonic ansonsten vielen Kameras für den cineastischen Einsatz mitgibt. Wer die Kamera szenisch nutzen will, muss selbst Hand anlegen - die internen Möglichkeiten hierzu gibt es zuhauf: So findet man vier Film-Like Gamma-Profile und schier unzählige Parameter zum Feintunen der Bildcharakteristik.

Schon der mitgelieferte AG-VBR59 Akku hielt bei uns in 4K-Daueraufzeichung (ohne permanten Zoom) 244 Minuten, also knapp über 4 Stunden. Ein frischer Akku mit doppelter Kapazität, wie der AG-VBR118 sollte folglich sogar bemerkenswerte 8 Stunden im Dauereinsatz durchhalten können.

Das beste aus zwei Welten: HEVC und AVC(HD)

Besonders interessant ist die Format-Strategie von Panasonic zu bewerten. Im Gegensatz zu Canons XF705 legt Panasonic von Stunde Null darauf Wert, auch die aktuell genutzten und in vielen Workflows bewährten Broadcastformate zu implementieren. Also auch AVC und AVCHD. Gleichzeitig gibt es aber auch die Möglichkeit, in dem weitaus effizienteren HEVC aufzuzeichnen. Somit ist die AG-XC350 in vieler Hinsicht eine sichere Investition in die Format-Zukunft.

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Einzige Beschränkung gegenüber Canon: In HEVC 10 Bit sind bei interner 4K Aufzeichung nur 4:2:0 möglich. Damit bleibt eine 4K-Aufzeichnung in 10 Bit 4:2:2 auf AVC mit maximal 30 fps beschränkt. Immerhin gelingt auch der 10 Bit Import in Programmen wie VLC, Davinci Resolve oder Premiere problemlos. In Premiere gelang uns sogar eine nahezu ruckelfreie Wiedergabe des 10 Bit 4:2:0 HEVC 4K Materials mit 50p.

Sensor-Bildqualität und Bewertung

Trotz der für 4K schon relativ kleinen Sensorfläche setzt Panasonic auf einen deutlichen Pixelüberschuss und verbaut einen 5K-Sensor. Panasonic gibt dabei als effektive Senselzahl 15 Mio. Sensel an. (Im Vergleich: Canon nennt für die XF705 8,9 Mio). Bei einem geschätzten Crop Faktor von 2,8 dürfte ein Sensorelement dabei eine Seitenlänge von ca. 2,5 µm haben. Die XF705 hat ungefähr 3,1µm und damit fast die doppelte Fläche pro Sensel. Beide Werte liegen deutlich unter typischen Großsensor-Kameras, weshalb auch die CX350 eine geringere Lichtempfindlichkeit und Dynamik an den Tag legt. Doch die kleineren Sensel lassen sich im Gegenzug schneller auslesen und bieten in Panasonics Fall sogar noch ein sauberes 5K auf 4K Downsampling.

Und tatsächlich ist die Auflösung der AG-CX350 über alle 4K-Frameraten von 24-60p konstant hoch:

Die Panasonic AG-CX350 bei 24-60p im slashCAM 4K-Auflösungstest
Die Panasonic AG-CX350 bei 24-60p im slashCAM 4K-Auflösungstest

Hoch ist dabei sogar untertrieben. Die CX350 zeigt feinste Details nahezu fehlerfrei und bietet ein weitaus saubereres Debayering als Canon. Ironisch ist dabei, dass die AG-CX350 damit in 4:2:0 weitaus mehr Details aufzeichnen kann, als die Canon XF705 in 4:2:2.

Die Panasonic AG-CX350 in FullHD

In FullHD zeigt sich die Kamera ebenfalls von ihrer besten Seite: Dank sauberer Zusammenlegung der Pixel erscheint auch das slashCAM HD-Testchart bis 60p makellos:

Die Panasonic AG-CX350  bei 24-60p im slashCAM FullHD-Auflösungstest
Die Panasonic AG-CX350 bei 24-60p im slashCAM FullHD-Auflösungstest

Bei 1080p100/120 kommt es zwar zum Auslassen einiger Zeilen, jedoch bleibt die Qualität der FullHD-Aufzeichnung immer noch auf sehr hohem Niveau.

Die Panasonic AG-CX350 bei 100-120p im slashCAM FullHD-Auflösungstest
Die Panasonic AG-CX350 bei 100-120p im slashCAM FullHD-Auflösungstest

Farben und Lowlight

Bei viel Licht wirkt der Sensor der Panasonic AG-CX350 sehr sauber und legt eine typisch bunte Farbgebung an den Tag, die man im EB-Sendebereich gerne sieht:

Die Panasonic AG-CX350 bei 1200LUX
Die Panasonic AG-CX350 bei 1200LUX

Die Farben lassen sich mit Profilen und Farb Matrizen weitgehend individuell anpassen und natürlich bei Bedarf auch entsättigen.

Bei wenig Licht zeigen sich jedoch die Nachteile kleiner Sensoren. Unser Testbild wird deutlich matschiger und verrauschter dargestellt, als alles was aktuelle S35 oder FullFrame-Kameras in 4K abliefern können. Besonders wenn man letzteren noch eine lichtstarke Festbrennweite gönnt.

Die Panasonic AG-CX350 bei 12LUX mit normaler Sensitivität
Die Panasonic AG-CX350 bei 12LUX mit normaler Sensitivität

Panasonic hat bei der CX350 noch einen zweiten Modus verbaut, der den Sensor mit hoher Sensitivität auslesen kann. Offensichtlich eine Art DUAL-ISO Modus. In diesem Modus sieht unser 12 Lux-Motiv so aus:

Die Panasonic AG-CX350 bei 12LUX mit hoher Sensitivität
Die Panasonic AG-CX350 bei 12LUX mit hoher Sensitivität

Wir haben einmal das Bild mit der normalen Sensitivität in der Post verstärkt und verglichen:

Links normale Sensitivität in der Post verstärkt, rechts hohe Sensitivität bei der Aufzeichnung.
Links normale Sensitivität in der Post verstärkt, rechts hohe Sensitivität bei der Aufzeichnung.

Und nach unserem Dafürhalten schenken sich die Ergebnisse nichts. Vielmehr wirkt die Verstärkung in der Post sogar etwas sauberer. Selbst im Modus mit normaler Sensitivität sehen wir übrigens die AG-CX350 etwas vor der Canon, trotz der kleineren Sensel. Eventuell verbaut hier Panasonic einen BSI-Sensor mit rückseitiger Belichtung, was das konkurrenzfähige Lowlight Verhalten erklären könnte.

Rolling Shutter

Auch bei den Rolling Shutter Zeiten liefert die Panasonic AG-CX350 mehr als bodenständige Werte ab. In 4K24-60p haben wir immer ca. 14ms gemessen, In FullHD verbesserte sich dieser Wert sogar noch marginal auf 13ms.

Streaming

Ein ebenfalls bemerkenswerter Punkt, auf den wir in unserem Test jedoch nicht näher eingehen konnten, sind die Streaming Eigenschaften der Panasonic AG-CX350. So beherrscht diese nicht nur die Streaming-Ausgabe über LAN oder (mit optionalem Dongle) WLAN. Zusätzlich ist sie auch in der Lage, sich über NDI direkt in IP-basierte Multi-Camera Live Production Systeme einzuklinken.

Fazit

Gegenüber der weitaus teureren Canon XF705 sind neben dem kleineren Display und den etwas trägen Objektivringen vor allem die Fokusfunktionen nicht so gelungen. Ansonsten erhält man für 4.500 Euro bei Panasonic allerdings in fast jeder Hinsicht das rundere Gesamtpaket. Die Bildqualität ist selbst bei 4:2:0-Aufzeichnung in 4K60p mindestens auf Augenhöhe, meistens sogar einen Tick besser.

Die Panasonic HEVC-Files laufen bereits mit aktuellen Schnittsystemen ziemlich rund und die bewährten AVC(HD) Formate gliedern sich unauffällig in fast jeden heute aktuellen Workflow. Dank langer Akkulaufzeiten und moderner Streaming/Netzwerkmöglichkeiten ist die Kamera für viele, auch zukünftige Einsatzzwecke gerüstet, einzig für cinematische Anwendungen gibt es deutlich bessere Großsensor-Spezialisten in dieser Preisregion.

   

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