Grundlagen: Sechs kurze Colorgrading Tipps für Anfänger und Fortgeschrittene

24.04.2019 von Rudi Schmidts



Wer sich fürs Colorgrading interessiert hat mit der kostenlosen Version von DaVinci Resolve die Möglichkeit mit einer professionellen Applikation eigene Erfahrungen sammeln zu können. Dazu ist das Netz voll mit guten Tutorials, welche die ersten Schritte mit dem Programm praktisch erläutern und die Funktionsweise vieler Funktionen genau erklärt. Doch allein die Kenntnis der Funktionen bringt meistens noch keine brauchbaren Ergebnisse hervor. Daher wollten wir euch einmal sechs wichtige Tricks für die ersten Schritte im kalten Grading-Wasser näher bringen. Abseits von Menüs und Klickanleitungen…

Erst mal die Finger von den Farben lassen

Wer in einem Grading Programm an ein paar Farbreglern herumdreht, merkt wie schnell man sich damit die Farbgebung verhunzen kann. Schon leichte Verschiebungen an den Bällen lassen das Bild komplett unstimmig werden. Meistens gibt es dann nur eines: Die letzten Schritte zurück nehmen oder sogar wieder ganz von vorne anfangen.

Wer noch nicht sehr erfahren ist sollte daher (vielleicht bis auf einen Weißabgleich) erst einmal ausschließlich Bildkorrekturen vornehmen, die nicht die Farben, sondern nur die Helligkeit verändern. D.h. Schwarzpunkte richtig setzen und mit Kontrasten Details herausarbeiten. Hierbei lässt sich schon eine Menge lernen und auch erreichen. Besonders wenn man diese Optionen mit Masken kombiniert.

Gradingziel: Eye Pollution vermeiden

Wer keine professionelle Grading Zielvorgabe besitzt, kann sinnvollerweise folgendes Prinzip verfolgen: Man versucht man die wichtigen Bildinhalte zu betonen, indem man die ablenkenden und unwichtigen Bereiche abschwächt. Letztere Bildbereiche sind gelegentlich unter dem Namen Eye Pollution bekannt.

Dieses Bild wirkt durch zu viele Details sehr unruhig..
Dieses Bild wirkt durch zu viele Details sehr unruhig..

Hierfür maskiert man Objekte und Bereiche, die von den Blick vom gewünschten Objekt ablenken und senkt deren Helligkeit (oder auch die Sättigung). Diese Absenkung muss nicht einmal sonderlich stark erfolgen, oft genügt eine eher subtile Anwendung. Auch ein sehr leichter Blur kann gelegentlich dafür sorgen, ungewollte Bereiche im Bild für das Auge uninteressanter zu machen.

 Übertrieben: Eye Pollution Bereiche "ausblenden" und interessante Bereiche betonen um den Blick darauf zu lenken.
Übertrieben: Eye Pollution Bereiche "ausblenden" und interessante Bereiche betonen um den Blick darauf zu lenken.

Memory Colors

Wer sich dann doch langsam auch an die Veränderung der Farben traut, steht vor der großen Frage: Wann erscheinen uns die Farben in einem Bild eigentlich stimmig? Der Weißabgleich trägt hierzu weniger bei, als man meinen könnte, denn das menschliche Gehirn korrigiert einen Farbstich in der Regel bereits nach kurzer Zeit. Nur starke Sprünge in der Farbtemperatur fallen nach einer Gewöhnungsphase noch deutlich auf.

Ist es dann vielleicht das Verhältnis der Farben zueinander? Wohl auch nicht zwingend. Sieht man sich viele Hollywood Blockbuster an, so dominiert dort immer noch der Orange-Teal-Look, der die meisten Farbnuancen wegbügelt und vielen Gegenständen eher unnatürliche Farben "zuteilt". Und daran scheint die breite Masse der Kino-Bevölkerung sogar großen ästhetischen Gefallen zu finden.

Eine Theorie, die Stu Maschwitz vor 10 Jahren publizierte, schlägt vor, beim Graden immer auf sogenannte Memory Colors zu achten. Dahinter steht der Gedanke, dass es Farben wie Hauttöne, Gras oder den Himmel gibt, die wir als Menschen besonders gut (er)kennen. "Falsche Farbtöne" im Gesicht eines Menschen bemerken wir also deutlich leichter, als wenn der Rotton eines Kaffeebechers nicht genau getroffen wird. Wir stören uns ebenso daran, wenn die Farbe des Himmels nicht so erscheint, wie wir ihn kennen oder wenn das Grün des Grases irgendwie nicht stimmt.

Laut Stu wird jedes Bild besonders schnell unstimming, wenn uns besonders vertraute Objekte nicht "richtig" vorkommen. Das muss nicht nur Haut, Gras oder Himmel sein, auch Bananen sind ein typischer Fall. Doch da die meisten Filme nun einmal Menschen und Schauspieler in ihrem Mittelpunkt haben, sind "richtige" Hauttöne das A und O des Memory Color Ansatzes. Oder kurz gesagt: Bei den Hauttönen kann man das Grading am schnellsten versauen. Um dies zu vermeiden, kann man ein weiteres Mal den Weg des Ausschließens gehen:

Hauttöne schützen und korrigieren

Und hierzu erst einmal eine gute Nachricht: Die meisten Kameras liefern bei richtigem Weißabgleich sowieso schon brauchbare Hauttöne. Ähnlich wie bei der Eye Pollution ist es nun oft hilfreich, die Hauttöne (und andere Memory Colors) fast unverändert zu lassen und das Grading um die Hauttöne/Memory Colors herum zu gestalten.

Ein farblich eher unspektakuläres Motiv mit normalen Hauttönen
Ein farblich eher unspektakuläres Motiv mit normalen Hauttönen

Mittels eines Qualifiers mit relativ weicher Kante erstellt man eine Maske des Clips, die möglichst nur Hautbereiche enthält. Diese schließt man anschließend vom Grading aus, bzw. legt die Hautbereiche als obersten sichtbaren Layer an. Das Ergebnis überzeugt in der Regel. Gradet man den Hintergrund in den diametralen Farben (bei Haut also im blauen Bereich), so landet man fast automatisch beim bekannten Orange-Teal Look.

Gleiche Hauttöne, aber den Rest ins Blau fallen lassen. Dieser Orange-Teal Look trifft oft den Geschmack der Masse(n).
Gleiche Hauttöne, aber den Rest ins Blau fallen lassen. Dieser Orange-Teal Look trifft oft den Geschmack der Masse(n).

Gute Orientierung: Die Hautton-Kennlinie (Skin Tone Indicator)

Eventuell kann es auch noch nötig sein den Haut-Layer etwas zu korrigieren, falls die Farben in der Originalaufnahme nicht hundertprozentig sitzen. Dies schaffen Anfänger am besten mit dem Farbwinkel-Regler (Hue) und einer Vektorskop-Ansicht.

Doch Vorsicht: Der Hue-Regler gehört zu den Parametern mit denen man ein Bild besonders leicht verhunzt. Im Fall der Hauttöne ist er jedoch meistens sogar die einzige Möglichkeit, die Hauttöne auf Spur, sprich auf die Hautton-Kennlinie (Skin Tone Indicator) zu bekommen. Dies ist eine Linie im Vektorskop, die erstaunlich exakt andeutet, wo gute gute Hauttöne in der Regel liegen sollten:

Die Hauttöne sollten auf der Hautton-Kennlinie in der Regel gut liegen.
Die Hauttöne sollten auf der Hautton-Kennlinie in der Regel gut liegen.

Konstanz durch Plan

Einer Szene einen passenden Look zu verpassen gelingt mit solchen Tricks selbst Anfängern mit etwas Übung schon nach relativ kurzer Zeit. Die große Kunst ist jedoch, den Look über die einzelnen Szenen konstant zu halten, damit kein Sprung in den Farben den Flow des Filmes stört. Dies erreicht man am ehesten, wenn man das Grading mit einem gewissen Plan betreibt. Also systematisch an die Farbgestaltung herangeht. Die Kür eines professionellen Gradings geht meistens sogar noch einen Schritt weiter: Mit einem bewusst konzipierten Farbkonzept versucht man inhaltlich die Stimmungen des Films zu (unter)stützen. Ein solches Ziel gelingt dann in der Regel jedoch nur mit viel Übung und Erfahrung. Und die können wir euch leider nicht abnehmen...

   

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