Editorials: Neuer Apple Mac Pro 2019 - genau so oder so gar nicht?

26.05.2019 von Rudi Schmidts



Vor einigen Tagen machte ein Foto auf Imgur die Runde, das angeblich die Spezifikationen des schon sehnlich erwarteten Mac Pro zeigen soll. Dabei war sich die Netzgemeinde fast unisono einig, dass es sich hierbei um einen Fake handelt. Doch es könnte auch mehr dahinter stecken...

Das besagte Originalbild findet sich immer noch auf hier auf Imgur und eröffnet auf den ersten Blick eine interessante Assoziation. Kann es wirklich sein, dass Apple den neuen Mac Pro 7.1 intern Phoenix nennt? Also wie der Phönix aus der Asche, nachdem das letzte Pro Modell nicht so eingeschlagen ist, wie erhofft?

Liest man sich die weiteren Specs näher durch, so darf einem schnell das Zweifeln kommen. So ist da von DDR5 SO-DIMM Speicher die Rede, den es so noch gar nicht gibt. Oder von Thunderbolt 4, das so noch gar nicht spezifiziert wurde. Auch wird AMDs Fire Pro Serie wird falsch geschrieben und es gibt eine Nvidia-BuildToOrder-Option für GPUs, obwohl Apple in den letzten Monaten Nvidia durch fehlende Treibersignierung ziemlich offensichtlich zur GPU non Grata unter MacOS erklärt hat. Auch wird in der Netzgemeinde angezweifelt, dass man in den Gehäuseabmessungen von ca. 30 x 30 x 20 cm drei doppelt breite Grafikkarten verstauen kann. Zu allem Überfluss kommt auch etwas Magic Apple Mojo in den Mix: Der ominöse Apple X2 Accelerator-Chip kann wahrscheinlich Geschwindigkeit zaubern…

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Wer den neuen Mac Pro schon zur Worldwide Developers Conference (WWDC) am 3. Juni erwartet, für den muss dieses Bild fast zwangsläufig ein Fake sein. Immerhin hat Apple angekündigt, auf der WWDC etwas großes vorzustellen und noch Anfang 2018 bekräftigte Tim Cook ein weiteres mal, dass der neue Mac Pro im Jahr 2019 erscheinen soll.

Doch ohne zu viel Phantasie kann man die technischen Daten vielleicht plausibel zu einem Gesamtbild zusammenfügen, das jedoch viel mit den aktuellen Verzögerungen bei Intel zu tun hat. Die Mühe wollen wir uns einmal für euch machen, indem wir die Punkte einzeln durchgehen:

Intel Xeon W Cascade Lake-X

Dieser Prozessor wird höchstwahrscheinlich von Intel Anfang Juni auf der Computex 2019 vorgestellt und würde daher gut zum neuen Mac Pro passen. Mit bis zu 28 Kernen wird der Prozessor jetzt nach aktuellem Gerüchte-Stand auf der schon etwas betagten noch aktuellen C621 (X-)HEDT-Plattform erscheinen. Doch das war im letzten Jahr noch alles ganz anders geplant, denn Intels Prozessor-Roadmap hat sich in den letzten Monaten signifikant verändert.

Nachdem das vermeintliche Apple Dokument auf den 7. November 2018 datiert, könnte Apple zu diesem Zeitpunkt noch in Intels alter Roadmap geplant haben. Und diese hatte vielen Kunden noch 10 nm Prozessoren und baldiges PCIe 4.0 mit neuen Chipsätzen versprochen. Nach den aktuellsten Roadmaps wird es jedoch frühestens im Jahre 2020 10nm HEDT-Prozessoren von Intel geben (Ice Lake -SP) und seit Januar 2019 wird gemunkelt, dass sich auch PCIe 4.0 bei Intels zugehöriger Whitley-Plattform noch mindestens bis 2020 verzögern dürfte.

Der erwähnte Xeon Cascade Lake-X war dagegen ursprünglich schon für das vierte Quartal 2018 geplant. Dieser erscheint erst jetzt mit mindestens neun Monaten Verzögerung und - sehr wahrscheinlich entgegen früheren Plänen - nun doch noch mit PCIe 3.0.

Sieht man sich das gelakte Imgur Bild unter Intels Versprechungen von 2018 an, so werden auch viele anderen Spezifikationen plausibler. Sehen wir uns die auch mal genauer an...

Thunderbolt 4, PCIe 4.0, AMD und Nvdia im Boot?

Die "3 x double wide PCIe 4 Slots" bieten viel Raum für Missverständnisse. Es dürfte sich hierbei jedoch einfach um abwärtskompatible x16 Slots handeln, die so angeordnet sind, dass drei PCIe-Karten mit doppelter Breite nebeneinander passen. Dies ist eine zwar enge, aber typische Server- und Workstation Anordnung (die einen speziellen GPU-Luftstrom für Server Karten erfordert, wie sie aber AMDs Fire Pro oder Quadro Karten bieten). Auch passen neben drei PCIe-GPUs auch noch locker andere Komponenten in die kolportierten Gehäusemaße. Besonders, wenn Apple beim Netzteil und Mainboard nicht (wie PC-Schmieden) auf ATX-Normmaße angewiesen ist.

Solche 3xGPU-Optionen sind nicht nur für Resolve im professionellen Umfeld gefragt, sondern -noch heißer- bei Machine Learning Rechnern. Diese Zielgruppe dürfte Apple mit dem neuen Mac Pro noch viel mehr im Auge haben als uns Videobearbeiter. Und im Machine Learning Umfeld waren im November 2018 MultiGPU-Workstations in 99,99 Prozent der Fälle mit GPUs von Nvidia bestückt. Hier ohne Nvidia zu arbeiten würde Apple dieses neue, aber stark wachsende Workstation-Segment komplett verschließen.

Die verwirrenden Angaben zu Thunderbolt könnten ebenfalls leicht zu erklären sein. Thunderbolt 4 gibt es nach wie vor nicht und es wurde auch noch nicht einmal angekündigt. Es könnte sich entweder um USB 4.0 handeln, was nur falsch bezeichnet wurde, weil die Integration von Thunderbolt 3 im November 2018 noch nicht offizielle bekannt (oder benannt) war. Oder es ist wirklich ein kommendes Thunderbolt 4 welches logischerweise auf PCIe 4.0 basieren muss. Sollte der Chipsatz PCIe 4.0 unterstützen könnte auch die doppelte Datenrate für Thunderbolt 4.0 genutzt werden.

DDR5 SO-DIMM memory

Diese Angabe halten wir für die unglaubwürdigste unter allen. Denn es gab bis vor kurzem noch nie eine Roadmap von Intel in der DDR 5 genannt wurde. Denkbar wäre natürlich, dass Intel hier einen frühen Technologie-Start für Apple ermöglichen wollte. Schließlich liebt es Apple neue Technologien als erster in den Markt einzuführen. Wenn Intel einen entsprechenden Chipsatz fertig hätte, würde ihn Apple sicherlich mit Handkuss nehmen.

DDR5-Speicher selbst ist schon fertig spezifiziert und es gibt erste Hersteller, die Module im Testbetrieb fertigen. Auch hier ist es denkbar, dass Intel den Chipsatz schon versprochen hatte, dieser aber wie vieles anderes auch aus der Roadmap gefallen ist. 2017 sind viele Webseiten jedenfalls noch davon ausgegangen, dass man von Intel schon in diesem Jahr DDR5 Speicher im Desktop sehen wird. Warum sollte Apple nicht auch in dieser Richtung geplant haben? Nach aktuellen Roadmaps wird es bei Intel jetzt jedoch nicht vor dem Jahr 2021 DDR5 für die HEDT-Plattform geben. Unter dem Codenamen Eagle Stream soll der neue RAM-Typ dann auch gleich mit PCIe 5.0 eingeführt werden.

Apple X2 Accelerator

Fast jeder Hersteller -vom Smartphone bis zum Server- bieten mittlerweile Beschleuniger Chips an. In der Regel handelt es sich hierbei um Interference-Beschleuniger für Machine Learning (ML), die vor allem typische Matrix-Multiplikationen beschleunigen können, um ML-Modelle besonders schnell zu berechnen. Apples iPhone hat auch schon so eine NPU, die Apple selbst entwickelt hat und es würde uns stark wundern, wenn neue Macs nicht auch bald NPU-Beschleunigung in Hardware bekommen würden. Ein Apple zusätzlicher X2 Accelerator Chip würde in unseren Augen hierfür sicherlich Sinn machen und Apple hat eine entsprechende Entwicklung durch die iPhone NPU in der Tasche.

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Die finale Fake-Frage

Das alles wirkt jetzt vielleicht etwas weit hergeholt und spekulativ, doch eine Gegenfrage ließ uns diesen Artikel dann doch zusammenschreiben: Warum sollte jemand so umständlich faken, wenn eine Fälschung mit weitaus plausibleren Daten insgesamt viel glaubhafter geworden wäre? Wer viel Mühe in einen Fake investiert, will doch, dass im Anschluss möglichst viele Anwender dem Fake glauben schenken. Doch die gezeigten Daten wirken für die meisten Betrachter viel zu unglaubwürdig. Gerade deshalb könnten wir uns durchaus vorstellen, dass wir hier eine Spezifikation sehen, wie sie Apple im Vertrauen auf Intels Roadmaps in den letzten drei Jahren konzipiert hat. Und nun würde bei Apple genau dieses Vertrauen in Intel zu einer deutlichen Verzögerung des geplanten Mac Pro führen.

Falls das Imgur-Foto also doch echt sein sollte, dürfte es in dieser gezeigten Form keinen Mac Pro vor 2020 geben. Es fehlt hierfür vor allem ein passender Intel-Chipsatz, den Intel aktuell auf 2020/21 geschoben hat. Viele Apple Fans gehen jedoch fest davon aus, dass Apple schon auf dem kommenden WWDF am 3. Juni einen neuen Mac Pro zeigen wird. Dieser müsste dann entweder mit abgespeckten Spezifikationen starten oder Intel hätte es geschafft den Chipsatz komplett unter dem Radar aller "Leaker" fertig zu entwickeln. Vielleicht als Dankeschön und Wiedergutmachung für das G5-iPhone-Modem Desaster ;)

Oder der Mac Pro 2019 wird schon der erste Apple Rechner, der auf einer neuen ARM-Plattform basiert und ganz ohne Intel Chips auskommt. Dann wäre dieser allerdings ein Jahr zu früh, weil dieser Plattformwechsel frühestens für 2020 erwartet wird.

   

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