Test: Wer baut das beste Stativ? Sachtler Flowtech vs Gitzo Systematic - High-End Stative im Praxis-Vergleich-Teil 1

04.07.2019 von Rob



Beide zählen zu den weltweit renommiertesten Stativ-Herstellern: Sachtler auf der einen Seite mit seiner langen Tradition im Pro Videobereich und Gitzo auf der anderen Seite mit seinem High-End Stativbau, der mit der Systematic-Serie jetzt auch für Filmer interessant wird.

 Sachtler Flowtech 75 versus Gitzo Systematic 3
Sachtler Flowtech 75 versus Gitzo Systematic 3

Wir haben die letzten Monate viel Praxiserfahrung sowohl mit dem Sachtler Flowtech 75 als auch mit dem Gitzo Systematic 3 gesammelt - hier unser Premium Videostativ Shootout …

Konzept

Mit Blick auf die nahezu gleichen Arbeitshöhen und Transportmaße (Sachtler Flowtech 75 = max. 153 cm Arbeitshöhe ohne Spreader bei 68 cm Transportlänge - Gitzo Systematic 3 (lang) = max.152 cm Arbeitshöhe bei 67 cm Transportlänge) könnte man meinen, es handele sich um ähnliche Stative. Doch weit gefehlt:

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Konzeptuell und von der Konstruktion her könnten das Sachtler und das Gitzo kaum weiter voneinander entfernt sein (und das obwohl beide zum gleichen Mutterkonzern Vitec gehören).

Das Sachtler Flowtech verschreibt sich als reines Videostativ mit montierter 75mm Klemmschale vor allem einem besonders schnellen und unkompliziertem Handling. Zentral hierfür sind die weit oben sitzenden Klemmhebel, mit denen der jeweilige Stativschenkel auf der gesamten Länge schnell und sicher arretiert wird. Uns ist derzeit kein anderes Stativsystem bekannt, das sich dermaßen schnell und komfortabel auf/abbauen bzw. in der Höhe justieren lässt.

Die Gitzo Systematic Serie verbindet Leichtbau bei hoher Traglast und Modularität. So lässt sich das Gitzo Systematic 3 zwischen Foto-Setups mit Kurbelsäule oder Nivelliersockel oder Video-Setup mit 75 oder 100 mm Halbschale modular umbauen. Kaum ein anderes Stativsystem kann so viel Modularität mit High-End Leichtbau und hoher Traglast vereinen.

Wie schlagen sich aber nun die unterschiedlichen Stativ-Konzepte in der Videopraxis?

Handling / Verschlüsse / Transport

Wir haben das Gitzo Systematic 3 dieses Jahr für unsere Interviews auf der NAB genutzt und es hierbei zig Mal pro Tag auf- und abgebaut und kilometerweit getragen. Gut gefallen hat uns beim Aufbau des Gitzos dass die sog. G-Lock-Ultra Drehverschlüsse mit einer Hand und einer (Viertel!) Drehung pro Schenkel zu öffnen sind.

Gitzo  G-Lock-Ultra Drehverschlüsse
Gitzo G-Lock-Ultra Drehverschlüsse

Das Bedeutet dass sich die zwei nebeneinander befindlichen G-Lock-Ultra Drehverschlüsse mit einer Hand gleichzeitig öffnen lassen. Das funktioniert ziemlich schnell. Allerdings gilt dies vor allem für den Aufbau aus komplett zusammengeschobenem Zustand - was, zugegeben - im Non-Stop Messebetrieb von Stand zu Stand eher selten bei uns der Fall war.

Meistens transportieren wir das Gitzo Systematic im bereits ausgezogenen Zustand über der Schulter, um beim Aufbau Zeit zu sparen. Und Apropos Schulter: Für den Transport auf der Schulter empfehlen wir beim Gitzo Systematic 3 eine Schaumstoff-Dämpfung an den entsprechenden Stativschenkeln anzubringen weil mindestens zwei Schenkel bei langem Schultertransport mit montiertem Videokopf recht hart auf der Schulter werden können. Hier könnten wir uns bei zukünftigen Updates auch ein vormontiertes Pad von Manfrotto vorstellen.

Für den finalen Aufbau vor Ort muss dann für die optimale Höhe mindestens ein Drehverschluss pro Schenkel geöffnet und wieder geschlossen werden. Dieser befindet sich beim Gitzo Systematic 3 - wenn wie bei uns bereits im ausgezogenen Zustand transportiert – in etwa auf Hüfthöhe und damit in guter Erreichbarkeit ohne sich groß nach vorne beugen zu müssen.

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Wer zeitlich eng getaktet arbeiten muss, dem empfehlen wir das Systematic 3 im voll ausgezogenen Zustand zu transportieren, weil dann vor Ort die Höhe nur noch nach unten parallel für alle Schenkel justiert werden muss - was mit leichtem Druck von oben bei geöffneten oberen Verschlüssen sehr schnell geht. Wenn die Höhe nochmal nach oben justiert werden muss, wird es aufwendiger, weil man hier pro Schenkel die Höhe extra festlegen muss.

Daher lautet unsere Empfehlung bei den unterschiedlichen Versionen des Gitzo Systematic-Systems für möglichst schnelles Handling: Ein Stativ mit so wenig Segmenten wie möglich pro Schenkel wählen (hierbei jedoch die Transportlänge nicht aus den Augen verlieren).

Ein echtes Alleinstellungsmerkmal beim Handling des Gitzo Systematic 3 ist sein konkurrenzlos geringes Gewicht - doch hierzu im eigenen Gewichtskapitel weiter unten mehr.

So gut das Gitzo Systematic mit seinen G-Lock-Ultra Drehverschlüssen beim allgemeinen Handling auch funktioniert - in Sachen Geschwindigkeit und Justage kann es nicht ganz mit dem Sachtler Flowtech 75 mithalten.

 Quick Release Brakes beim Flowtech 75
Quick Release Brakes beim Flowtech 75

Ganz gleich ob man das Sachtler Flowtech ausgezogenen oder kompakt transportiert, die Höhenjustage sowohl nach oben als auch nach unten funktioniert via Sachtlers Quick Release Brakes am schnellsten und zugleich komfortabelsten.

Bemerkenswert hierbei ist, dass es Sachtler gelungen ist, sowohl nach unten als auch nach oben eine quasi parallele Stativschenkelbedienung zu ermöglichen. Sind einmal alle Quick Release Hebel geöffnet, kann die Stativhöhe sowohl nach unten als auch nach oben parallel für alle Schenkel zeitgleich erfolgen.

Quick Release Brakes beim Flowtech 75 geöffnet
Quick Release Brakes beim Flowtech 75 geöffnet

Beim Transport über der Schulter punktet das Sachtler Flowtech mit seinen breiten, abgeflachten Stativschenkeln sowie mit den integrierten Magneten, die die Stativbeine zusammenhalten ohne zusätzliche Kordel.

Im Vergleich zu den zwei runden Stativschenkeln auf der Schulter beim Gitzo, lässt sich das Flowtech damit angenehmer auf der Schulter transportieren.

Im Hinterkopf sollte man beim Flowtech zusätzlich behalten, dass Sachtler noch Mittel- sowie Bodenspinnen für das Flowtech bietet, die sich ebenfalls schnell und unkompliziert montieren und bedienen lassen.

Einen Wermutstropfen beim Handling des Flowtech 75 sehen wir im vergleichsweise hohen Gewicht (doch auch hierzu im extra Gewichtskapitel weiter unten mehr).

Da wie hier mehrere Punkt zusammenfassen (Handling/Verschlüsse sowie Transport vor Ort) vergeben wir in diesem Abschnitt 2 Punkte, die sich beide das Sachtler Flowtech Konzept sichert:

Flowtech75 - 2:0 - Gitzo Systematic 3

Flexibilität/Einsatzgebiete

Wir hatten es bereits in der Einleitung kurz angerissen. Das Gitzo Systematic System dürfte zu den flexibelsten Stativsystemen schlechthin zählen. Wer ein hochwertiges Stativ sowohl für die Fotografie als auch für Video sucht, ist beim Systematic-System richtig.

Hochwertig gearbeitete Klemmung für Halbschalenadapter beim Gitzo Systematic
Hochwertig gearbeitete Klemmung für Halbschalenadapter beim Gitzo Systematic

Dank einfach zu wechselnder Einsätze kann das Systematic via Mittelsäule oder Flachboden oder Flachboden-Nivelliereinsatz unkompliziert zu einem Fotostativ - je nach fotografischer Anwendung umgebaut werden.

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Und auch bei der Videoanwendung steht beim Gitzo Systematic nicht nur die eine Videokopfgröße (75mm Halbschale) zur Verfügung: Tatsächlich lassen sich bei den Systematic Serien (2-4) auch 100 mm Halbschalenaufnahmen einsetzen (was übrigens gut zur hohen Traglast der Gitzos passt) und ebenfalls leicht vom User selbst durchgeführt werden kann.

 Easy-Link 3/8 Zoll Gewinde beim Gitzo Systematic 3
Easy-Link 3/8 Zoll Gewinde beim Gitzo Systematic 3

Ergänzt wird die vorbildliche Modularität des Systematic 3 durch ein Easy-Link fähiges 3/8 Zoll Gewinde (dass jedoch mit dem Manfrotto 244 Mini trotz Easylink bei uns etwas Spiel hatte).

Das Flowtech 75 ist hingegen als reines Videostativ konzipiert und auch bei den Halbschalen lässt sich nichts ändern. Man ist beim Flowtech 75 auf 75mm Stativköpfe festgelegt. (Beim 100mm Pendant kann man dafür auch 75mm Adapter von Sachtler einsetzen).

 Mittelspinne beim Sachtler Flowtech 75
Mittelspinne beim Sachtler Flowtech 75

Dafür lassen sich beim Flowtech sowohl Mittel- als auch Bodenspinnen und auch ein Rollen-Dolly für Studioanwendungen montieren. Zudem sind die Füße des Flowtech sehr schnell (werkzeuglos) auf Spikes umgebaut (was gleichzeitig ein Segen und ein Fluch ist, weil man die Gummifüsse beim Transport auch gerne mal unbeabsichtigt löst). Beim Gitzo ist für den Umbau von Gummifüßen auf Dornen zumindest ein Torx-Schlüssel nötig.

Ein 3/8 Zoll Gewinde findet sich auch beim Sachtler Flowtech75. Bei beiden Stativsystemen würden wir allerdings gerne ARRI-Safety Pin Aufnahmen sehen.

Zusammengefasst sehen wir beim Sachtler Flowtech mehr Videospezialisierung abrufbar während das Gitzo Systematic den großen Spagat zwischen Foto-und Videoanwendungen sowie unterschiedlichen Stativkopfaufnahmen schafft.

Die Disziplin Flexibilität/Einsatzgebiete geht damit knapp an das Gitzo Systematic 3.

Zwischenstand 1. Halbzeit:

Flowtech75 - 2:1 - Gitzo Systematic 3

Im zweiten Teil folgen dann die Themen: Torsionssteiffigkeit, Arbeitshöhen (oder besser: Tiefen!), Traglast, Gewicht, Preis und natürlich unser Fazit inkl. Shootout-Endstand.

   

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