Interviews: Von Making-OFs zu arte-Produktionen: Im Gespräch mit Dokumentarfilm-DOP Chris Caliman

20.02.2020 von Rob



Kameramann Chris Caliman hat mit Making-OFs für Fotografen angefangen und filmt mittlerweile beeindruckende Dokumentationen für arte. Außerdem ist er seit vielen Jahren aktiv im slashCAM-Forum unterwegs. Wir haben uns mit ihm über seinen Weg zum erfolgreichen Dokumentar-Kameramann unterhalten …

DOP Chris Caliman
DOP Chris Caliman

Chris, wie bist du zum Filmen gekommen?

Ich stamme aus einer Lehrerfamilie und wollte eigentlich Sport an der Sporthochschule in Köln studieren. Das hat dann wegen meinem Abitur-Noten-Durchnschnitts nicht funktioniert, ich hätte mindestens 2 Jahre warten müssen und so hab ich mich nach dem umgeschaut, was mich schon immer begeistert hat: Filme.

Das war dann auch eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Als ich gesehen habe, dass man an der FH Dortmund Kamera studieren kann, hab ich mich beworben und bin sofort angenommen worden. Wir waren damals etwa 12 Studierende und Ich habe das Studium sehr genossen und viel gelernt. Insgesamt war ich glaub ich 8 Jahre dort... (lach).

Wie wichtig war rückblickend für dich die Kameraausbildung an der FH?

Für mich war das Studium sehr wichtig. Damals so um das Jahr 1999 war es auch eine andere Zeit als heute. Damals kannte ich keinen der Film studiert und ehrlich gesagt wusste ich auch gar nicht, dass man es studieren kann. Umso schöner und aufregender war die Zeit. Wir waren da eine völlig Film-und Kamera-verrückte Truppe. Alles war neu und aufregend. Wir haben auf 16mm und auf 35mm gedreht, hatten noch den PS-Adapter ausprobiert und auch noch analog geschnitten. Nonlineare Schnittsysteme für den Hausgebrauch kamen gerade erst auf.

Vor allem die Filmanalyse-Vorlesungen bei Prof. Königer haben mir sehr viel gebracht, weil ich hierbei ein umfassendes Verständnis für Film entwickelt habe. Wie wurde Licht gesetzt? Mit welcher Kamera wurde wie gearbeitet? Wie wurde geschnitten? Alles neu und aufregend für mich...

Ich weiss, dass es auch ohne geht, aber ich würde jedem angehenden Filmemacher eine Filmschule empfehlen. Aber heute ist auch, wie gesagt, eine ganz andere Zeit. Ein guter Look ist günstig und für jedermann zu haben, Schnittsysteme kosten fast gar nichts mehr. Heute ist der Druck sicherlich noch größer, weil es auch das Internet gibt, die gefühlte Konkurrenz ist bestimmt größer und auch der Anspruch zu früher...

Andererseits hat niemand je nach meinem Kameramann-Diplom gefragt – brauchen tut man das also eher nicht...

Deine ersten Jobs hast du mit der Canon 7D bestritten?

Ja, ich hab vor allem Making-OFs gedreht. Für Fotografen, für Werbefilme, Modeagenturen etc.. Ich hatte damals die Canon EOS 7D und irgendwann ergab ein Auftrag den anderen.

Making Of „Deichmann“:


Making Of „Sido -Hier bin ich wieder“ C300:


Wie haben deine Anfänge mit der 7D (DSLR) deine persönliche Bildsprache bestimmt?

Die Arbeit mit der 7D hat vor allen meine Handkamera-Fähigkeiten geschult. Auch das manuelle Fokussieren mit AF Optiken habe ich mir vor allem hier angeeignet. Heute drehe ich nicht mehr mit der 7D - werde aber immer noch wegen meiner Handkamera gebucht.

Ja, die bewegte Kamera gehört zu meinen Kernkompetenzen – auch wenn es mittlerweile vor allem die Canon C300 MKII ist.

Du hast mit der Canon 7D auch für´s Fernsehen gedreht?

Ja, damals war die DSLR-Look neu und viele wollten einen entsprechende „Filmlook“ haben. Nach meinen Making-Ofs bin ich dann irgendwann gefragt worden, ob ich nicht Lust hätte, bei einer ZDF-Produktion die Kamera zu machen.

Ich glaube es war damals die erste TV-Doku-Produktion im ZDF, die ausschließlich mit einer Canon 7D gedreht wurde. „Totgesagte leben länger“ hieß sie und wir haben sie zusammen mit dem Kameramann Michael Plundrich für die Produktionsfirma Xkopp 2010 gedreht. Danach hatte ich einen Fuß in der Tür und habe viele Dokumentarfilme für das ZDF gedreht...

Beispiele mit der 7D:

„Blutige Schätze“:


„Sodom und Gomorrah“ Neuschnitt aus meinem Material aus der ZDF Dokumentation „Toxic City“:


Mit „Coming and Going“ hast du einen beeindruckenden Dokumentarfilm gedreht. Wovon handelt er?

Der Film erzählt die Coming-of-Age-Geschichte der Geschwisterpaare Jun (11) und Qiang (8) sowie Long (18) und Cheng (16), die im chinesischen Hinterland beheimatet sind. Die fast erwachsenen Brüder kehren mit der Hoffnung auf ein besseres Leben bepackt ihrem Dorf den Rücken und ziehen in eine ferne Stadt. Währenddessen warten die Jungen innig auf die langersehnte Rückkehr ihres Vaters, der seit vielen Jahren als Wanderarbeiter für das Auskommen der Familie sorgt.

Trailer „Coming and Going“:


Ihr wart nur zu zweit bei „Coming and Going“ unterwegs? (Kamera und Regie/Ton)

Ja wir waren ins gesamt drei mal in drei Jahren für jeweils einen Monat in China und waren immer zu zweit. Tianlin, die Regisseurin, hat auch den Ton gemacht und ich mit meiner C300. War eine tolle Zeit, ein richtiges Abenteuer.

Wie habt ihr Coming and Going finanziert?

Für den ersten Drehblock, wo noch alles unsicher war, hatte Kim Münster, unsere tolle Producerin, noch eine Crowdfunding Kampagne gestartet, damit wir zu mindestens unsere Flüge bezahlen können, aber als wir dann wieder da waren, haben wir die tolle Nachricht erhalten, dass die Filmstiftung NRW mit eingestiegen ist und später noch das Sundance Institute. Somit konnten wir die zwei weiteren Drehblöcke finanziell etwas entspannter sehen und uns voll auf die Menschen konzentrieren.

Der Film lief dann vor 5 Jahren glaube ich auf über 30 Filmfestivals weltweit und hat auch zahlreiche Preise gewonnen. Interessanter Weise lief er in Deutschland fast gar nicht. Glaube er war nur auf dem First Steps Awards 2015 nominiert...

Du drehst aktuell vor allem mit der C300 MKII - wie wichtig sind dir AF und kompakter Formfaktor?

AF benutzte ich so gut wie gar nicht. Außer bei Interviews vom Stativ, wenn ich schon müde bin und mein Gesprächspartner sich viel vor und zurück bewegt. Dann ist der AF eine angenehme Unterstützung. Ansonsten fokussiere ich ausschließlich mit der Hand ohne weitere Hilfsmittel wie Sucher oder Followfokus.

Der kompakte Formfaktor ist mir hingegen sehr wichtig. Ich kann die Kamera sehr flexibel einsetzen und schätze das geringe Gewicht. Auch bei der Arbeit von der Schulter. Ich habe 2 große und einen kleinen Canon Akku dabei – damit komme ich locker durch einen Drehtag. Sollte es doch mal länger werden, habe ich meinen Akkulader in Reichweite...

Deine „Immer-Drauf“ Optik ist das Canon EF 24-70mm f2.8. Was schätzt du vor allem daran? Und wie ziehst du manuell Fokus damit?

An Optiken habe ich bei meinen Projekten eigentlich nur zwei dabei: Das 24-70mm f2.8 und das 100-400mm f4.5-5.6 – wobei ich das 100-400mm meistens nur für Straßenszenen nutze. Das „Immer Drauf“ ist bei mir das 24-70mm f2.8. „Coming and Going“ habe ich zu 90% Prozent damit gedreht. Ebenso die Israel-Reportage für arte und viele andere Projekte.

Wie bereits gesagt fokussiere fast ausschließlich manuell ohne weitere Hilfsmittel - nur mit dem LCD der Kamera. Meine Hand ist ständig am Fokus - das ist reine Übungssache und stammt sicherlich auch noch aus meiner 7D-Praxis. Für mich funktioniert das perfekt.

Hier der Link zur arte Reportage (sehenswert! Anm. der Redaktion):

https://www.arte.tv/de/videos/090639-001-A/re-geschichte-einer-versoehnung/

Du hast die C300 MKII vor allem auf der Schulter?

Ja, ich habe immer noch mein altes Redrock Micro Shoulder Mount Rig aus 7D -Tagen und das funktioniert sehr gut für mich. Ich habe die C300 MKII bei Doku-Projekten 90 % der Zeit auf der Schulter. Die Höhe regulier ich einfach durch die Knie (Ich bin 1.82m). Mag sein, dass es mittlerweile bessere Rigs gibt, aber an mein altes bin ich gewöhnt und damit sehr schnell unterwegs.

Ich hab die C300 MKII gerne auf der Schulter, weil ich damit sehr stabil arbeiten kann (das 24-70mm F2.8 ist ja nicht stabilisiert) und ich habe schnell auch den Blick an der Kamera vorbei auf die Szene und das Umfeld.

Wie teilen sich Musikvideo / Werbung und Reportage / Doku Drehs bei dir aktuell auf?

Ungefähr 70% Doku - 30 % Werbung/Musik.

Mein Herz schlägt ganz klar für den Dokumentarfilm. Es ist für mich ein Privileg in diesem Bereich mein Geld verdienen zu können. Ich arbeite hier mittlerweile fast ausschließlich für das Fernsehen.

Trotzdem sind mir auch Werbung und Musikvideodrehs wichtig. Zum einen ist es Abwechslung und zum anderen hab ich gerade bei Musikvideodrehs viel Freiheit zu experimentieren. Hier arbeite ich mit meinem Bruder Mark als „super caliman bros.“ zusammen, der hierbei Regie / Artdirection übernimmt. Eine Zusammenarbeit, die ich sehr schätze, weil wir uns dann immer ein Konzept zusammen überlegen und es dann am Ende umsetzten. Zu sehen, dass es dann auch funktioniert ist schon ein schönes Gefühl.

Beispiel Werbung dokumentarisch: „Hornbach“ Arri Amira:


Werbung nicht dokumentarisch „Loreal Men Expert“ Alexa Mini:


Musikvideo mit Mark „Kasalla“ C300 MK2:


Was sind für dich die wichtigsten Eigenschaften eines Kameramanns?

Am wichtigsten ist Sozialkompetenz. Wenn du viele Stunden mit mehr oder weniger fremden Leuten auf beengtem Raum auf Reisen oder beim Dreh verbringst, dann musst du freundlich

(nicht-anstrengend sein.)

Genauso bei unseren Protagonisten. Da kannst du nicht als abgehobener TV Kameramann auftreten, sonst baut sich sofort Distanz auf. Wenn du aber natürlich und respektvoll mit den Leuten umgehst, dann akzeptieren sie dich auch in ihrem Leben und öffnen sich. Ich finde dieses sieht und spürt man oft in meiner Arbeit.

Außerdem musst du Lust auf´s Drehen haben und neugierig auf Menschen sein. Das bedeutet, dass du auch bereit sein musst, mal länger zu drehen und nicht „Dienst nach Vorschrift“ zu machen. Das ist zwar anstrengender, aber ich denke die Leute registrieren, wenn du mit Herzblut dabei bist …

 Chris Caliman im ARRI-Setup mit Easyrig
Chris Caliman im ARRI-Setup mit Easyrig

Wie gehst du bei deiner Kameraarbeit an eine dokumentarische Szene heran?

Mittlerweile weiss ich wenn ich eine Szene sehe, dass ich zb. diese vier Einstellungen benötige, um sie bestmöglich aufzulösen. Das habe ich automatisch im Kopf und kümmere mich dann um die Einstellungen. Bei kürzeren Formaten ist es umso wichtiger, dass du auf Schnitt Drehen kannst. Eigenständig zu wissen, welche Einstellungen noch fehlen und diese dann zu ergänzen ist zentral hier.

Genau das gleiche mit Licht. Ich betrete einen Raum, und weiss wo ich gute Einstellungen erhalte. Das bekommt man natürlich mit der Zeit mit. Erfahrung ist da sehr wichtig.

Bei der Israel Reportage haben wir z..B. nicht einmal Licht gesetzt. Wir hatten zwar Lightbanks dabei, aber letztlich alles mit available Light gedreht. Klar musst du deine Protagonisten hier und da etwas positionieren, aber wir sind mit dem vorhandenen Licht gut ausgekommen.

Du musst vor allem schnell sein und das bedeutet, dass du deine Kamera quasi blind beherrschen musst.

Chris, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg auf deinem weiteren Weg!

   

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