Ratgeber: Kamera-Auswahl für Low Budget Filmer bis 400 Euro

23.04.2020 von Rudi Schmidts



Nachdem wir ja schon eine geraume Zeit Kameras testen und deswegen sehr viele Modelle etwas genauer kennen, fragen wir uns in regelmäßigen Abständen, welche Kamera wir eigentlich selbst für eigene Projekte nutzen würden. Natürlich gibt es auf diese Frage keine allgemeingültige, universelle Antwort. Wenn man allerdings ein paar Einschränkungen wie Kaufpreis oder Anwendungsfälle in die Frage einbezieht, lassen sich vielleicht dennoch ein paar hilfreiche Antworten generieren. Zumindest wollen wir das mal versuchen. Unser erster Blick soll darauf gerichtet sein, zu welchen Modellen wir heute im absoluten Low Budget Bereich greifen würden, wenn wir ein entsprechendes Filmprojekt starten wollten und kaum Budget hätten.

Prämissen

Zuallererst wollen wir einmal davon ausgehen, dass es um einen szenischen Einsatz der Kamera geht, bei dem ein möglichst "cinematisches" Bild mit vielen Dynamikreserven generiert werden soll. Muss man wirklich jeden Cent umdrehen und wünscht dennoch den Kauf einer Kamera, so muss es fast zwangsläufig ein gebrauchtes Modell werden. Wenn man die Kamera länger benötigt (oder auch einfach eine Kamera besitzen will, die man aus Erfahrung blind bedienen kann), dürfte sich ein Gebrauchtkauf gegenüber einer Miete fast immer lohnen.

Unter 400 Euro gibt es in unseren Augen kaum interessante 4K Modelle zu erhaschen, jedoch ist für den "einfachen" cinematischen Einsatz sauberes FullHD eigentlich voll ausreichend. Denn selbst beim Einsatz von 4K kann es sinnvoll sein, diese im Mastering auf 2K herunterzurechnen, weil die krasse Detailschärfe von 4K sowieso nicht unbedingt wie Kino wirkt.

Ca. 200 Euro - Nikon D5200

Schon fast in Vergessenheit geraten, aber immer noch für eine filmische Anmutung mit weichem Sensor-Binning sind alte APS-C-DSLRs gut zu gebrauchen. Wir persönlich finden z.B. eine Nikon D5200 ästhetisch immer noch sehr ansprechend, da diese mit voller S35-Fläche ein moiree-freies HD-Bild auf SD-Karte aufzeichnet, das zudem mit sehr schönen Farben out-of-the-box zu begeistern weiss.

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Hier einmal ein Impressionen, die wir 2014 zu Erscheinen der Kamera "aus dem Stand" gesammelt hatten:

Gebraucht bekommt man eine D5200 mittlerweile oft unter 200 Euro, allerdings muss man auch noch ein passendes Objektiv dazu rechnen, wie zum Beispiel das im Video eingesetzte 35mm 1.8, das selbst gebraucht leider kaum unter 100 Euro zu bekommen ist.

Ca. 300 Euro - Blackmagic Pocket Cinema Camera HD

Für diese hundert Euro mehr findet man mittlerweile immer wieder gebrauchte Blackmagic Pocket Cinema Kameras der ersten Generation. Diese ist eine "echte" HD-RAW-Kamera mit SD-Karten-Aufzeichnung, die dank RAW in der Nachbearbeitung noch entsprechende Dynamikreserven mobilisieren kann.

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Dafür muss man sich hier gegenüber einer D5200 mit sehr kurzen Akkulaufzeiten und einer relativ mauen Displayvorschau arrangieren. Wir würden im Low Budget Einsatz noch unbedingt (neben vielen Akkus) in einen günstigen MFT-Speedbooster Clone investieren (ab ca. 60 Euro gebraucht). Dafür lässt sich dann wiederum sehr günstiges Altglas erstehen, wenn man eine wenig gefragte Quellmount wählt (z.B. Canon FD, CY oder MD). Außerdem wird damit der sehr bescheidene Crop-Faktor von 2,88 angehoben und die Kamera gewinnt zugleich noch einmal deutlich an Lichtstärke. Mit etwas weicherem Altglas lässt sich als Nebeneffekt die Neigung der Kamera zu Zipper-Artefakten in Details unterdrücken. Ach ja, auch ein zusätzlicher IR-Cut/Sperrfilter ist stark zu empfehlen, weil dem Sensor ein eigener IR-Filter fehlt.

Ein gutes Beispiel, welchen Look man aus der BMPCC rausholen kann, zeigt z.B. der Kurzfilm "The One" von unserem Forenmitglied Frank Glencairn:

Ca. 400 Euro - Canon 5D Mark II mit Magic Lantern

Wer bereit ist, sich wirklich intensiv mit seiner Kamera auseinanderzusetzen, für den mag sich vielleicht ein Blick auf Magic Lantern mit einer größeren Canon DSLR lohnen. Für unter 400 Euro bekommt man beispielsweise gebraucht den Klassiker EOS 5D Mk2, der mit einem Hack in eine RAW-Kamera verwandelt werden kann, die extrem professionelle Einstellungsmöglichkeiten bietet, welche man ansonsten nur bei weitaus teureren Kameras vorfindet.

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Die erzielbare Bildqualität kann dabei für das Geld wirklich erstaunlich sein, und mit entsprechendem Frickelwillen kann man sogar RAW-Auflösungen bis zu 2,8K (oder sogar darüber) hinbekommen:

Wir persönlich lieben zwar das Magic Lantern Projekt, sehen in der Praxis jedoch immer wieder, dass man sich dabei meistens mehr mit der Kamera als mit dem Projekt dahinter beschäftigt, weil es immer wieder ablenkende Kleinigkeiten und "Hickups" im Workflow gibt. So gibt es beispielsweise für die wirklich interessanten Formate meist nur eine sehr bescheidene Vorschau im Display, was den praktischen Einsatz wiederum deutlich beschränkt. Man kann allerdings auch mit bewährten Auflösungen arbeiten, bekommt dann aber nur ein relativ weiches, gebinntes Bild, das teilweise sogar mit starken Moires zu kämpfen hat. Dazu ist der Rolling Shutter der Kamera sehr ausgeprägt.

Ist das alles?

Diese drei Vorschläge sind natürlich keineswegs erschöpfend gemeint, sondern spiegeln eher wieder, welche Kameras unserer Meinung nach gut gealtert und mittlerweile besonders günstig gebraucht zu erstehen sind. Weitere (und vielleicht sogar noch bessere) Vorschläge nehmen wir im zugehörigen Forum-Thread gerne entgegen.

Sobald man mehr als 400 Euro in die Hand nehmen will, prägen schnell andere interessante Features die Kamera-Auswahl: Dazu gehören höhere Auflösungen und Frameraten, besseres Rolling Shutter Verhalten, Sensor Stabilisierung oder auch ein Autofokus mit zuverlässiger Objektverfolgung. Doch dazu vielleicht ein andermal mehr...

   

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