Editorials: Zehn Jahre ARRI ALEXA - Ohne 4K zum Erfolg

27.05.2020 von Rudi Schmidts



Eigentlich ist es unglaublich, dass es gerade mal 10 Jahre her ist, dass ARRI mit der ALEXA die professionelle digitale Kinoproduktion des letzten Jahrzehnts definierte. Es gab zwar bei ihrem Erscheinen im Jahre 2010 bereits mehr als zwei Jahre lang die ersten RED ONEs sowie eine Riege Sony CineAlta-Kameras. Jedoch hatte ARRI von Beginn an eine filmähnliche Anmutung durch hohe Dynamik im Visier. Jon Fauer bringt es rückwirkend auf den Punkt: "Es sah nicht wie Video aus“, was man von den Konkurrenten zu dieser Zeit nicht unbedingt behaupten konnte.

Der für die ALEXA entwickelte Super35 ALEV-III Sensor wurde mit einer bemerkenswerten Weitsicht entwickelt, weshalb dieser nahezu unverändert auch heute noch in aktuellen ALEXA-S35-Modellen zum Einsatz kommt. Und obwohl das Sensordesign seit einem Jahrzehnt genutzt wird, hat es immer noch lange nicht ausgedient. Denn noch immer wird ein Großteil aller Spielfilmproduktionen mit diesem Sensor produziert.

Uns wundert dabei vor allem, warum die Konkurrenz im letzten Jahrzehnt nicht aufgewacht ist, sondern ARRI diesen Markt alleine überlassen hat. Denn das Geheimnis des Erfolgs ist nicht sonderlich geheim: Die ARRI ALEXA bzw. der ALEV-III Sensor hat auf der S35-Fläche nur 2,8K Auflösung und kann aufgrund der größeren Photoelemente (Sensel) damit 14 Blendenstufen aufzeichnen. Der Rest der Kamerawelt (allen voran RED) verfiel dagegen dem Megapixel-Wahn und setzte auf kleinere Sensel mit geringerer Dynamik.

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Real betrachtet stehen 4K+Auflösungen einer cinematischen Ästhetik jedoch diametral entgegen. Analoger Film ist einfach nicht so gestochen scharf wie digitales 4K und die Postproduktion liebt jede zusätzliche Blendenstufe. Darum könnte ARRI wohl auch noch in Ruhe ein weiteres Jahrzehnt seinen ALEV-III Gaul reiten, wenn nicht noch ein weiterer digitaler Paradigmenwechsel stattgefunden hätte. Die Rede ist von Netflix und seiner Wirkung auf die Filmlandschaft.

Denn mittlerweile gibt es riesige Budgets für die digitale Erstverwertung im Internet (und damit nicht im Kino). Netflix besteht auf die nicht unbedingt nachvollziehbare aber folgenschwere Entscheidung, dass jede Netflix-Produktion mit mindestens 4K-Auflösung produziert werden muss. Wodurch eine normale ARRI ALEXA mit ALEV-III Sensor von zahlreichen großen Produktionen ausgeschlossen wurde.

ARRI will und muss sich daher notgedrungen in Richtung 4K bewegen, um diese wichtigen Märkte auch bedienen zu können. Und macht dies mit zwei verschiedenen Strategien: Plan A ist die großformatige ALEXA LF, die auf einer größeren Sensorfläche "nur" 4K unterbringt, und damit weiterhin die großen, hochdynamischen Sensel des ALEV-III Designs nutzen kann. Allerdings wollen viele Kameramänner/frauen lieber mit Sensoren im S35-Format arbeiten, was ARRI zu Plan B treibt: Noch in diesem Jahr soll(te) eine S35-4K-Kamera vorgestellt werden, was erstmals einen deutlichen Bruch in der digitalen ARRI-Philosophie des letzten Jahrzehnts darstellt. Der von ARRI geprägte Leitsatz "lieber Sensel mit höherer Qualität, statt mehr Sensel" wird für dieses Modell nicht mehr gelten.

Zwar hat noch niemand Aufnahmen der kommenden S35-4K-Kamera von ARRI gesehen, jedoch ist zu erwarten, dass ARRI beim Sensordesign keine physikalischen Grenzen sprengen wird. Stattdessen wird man sich in die Riege der immer ähnlicher agierenden Konkurrenz-Sensoren einreihen müssen. Unter diesem Licht sollte man auch Canons neue C300 MkIII betrachten: Diese liegt in der Dynamik wahrscheinlich auf einem ähnlichen Niveau wie die kommende ARRI S35-4K und ist von Canon vielleicht sogar als direkte Konkurrenz zu ARRIs S35-4K-Plänen entwickelt worden. Wie die übrigen Hersteller auf ARRIs kleine 4K reagieren, dürfte ebenfalls noch spannend werden.

Wir gratulieren jedenfalls zum Zehnjährigen ALEXA Jubiläum und hoffen auch in diesem Jahrzehnt noch auf viele sehenswerte Sub4K-Produktionen mit dem ALEV-III Sensor.

   

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