Grundlagen: Richtmikrofon oder Richtrohrmikrofon? Und wann setzt man Richtrohre optimal ein?

07.07.2020 von Rob



Häufig werden die Bezeichnungen „Richtmikrofon“ und „Richtrohrmikrofon“ synonym verwendet. Was allerdings schnell zu Verwirrung führen kann. Zu den Richtmikrofonen gehören viel mehr Mikrofontypen, die teilweise auch andere Richtcharakteristiken mitbringen und damit auch anders eingesetzt werden ...

Zu Richtmikrofonen gehören - nach aufsteigendem Bündelungsgrad sortiert: Breite Niere, Niere, Superniere, Hyperniere und Keule (Spezialformen wie die Acht lassen hier mal bewußt weg). All dies sind „Richtmikrofone“, die für unterschiedliche Einsatzzwecke entwickelt wurden.

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Es macht unserer Meinung nach Sinn, sich dies gelegentlich zu vergegenwärtigen, weil gerade die visuell prägnanten RichtROHRmikrofone schnell mit „Standard-“ oder „Universal-Mikrofonen“ für die Videoaufnahme gleichgesetzt werden - was falsch ist und auch zu enttäuschten Erwartungen führen kann.

Ein „Richtrohrmikrofon“ zeichnet sich namensgebend durch ein Interferenzrohr aus und besitzt in der Regel eine Superniere/Keule Richtcharakteristik. Typisch für entsprechende Interferenzrohre sind ihre vielen Öffnungen an der Seite, mit denen die seitlich eintreffende Schallwellen (frequenzabhängig) durch Phasenverschiebung möglichst ausgelöscht werden.

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Schallwellen, die von vorne kommen, addieren sich hingegen gleichphasig am Rohrende - gelangen also vergleichsweise ungehindert zur Mikrofonkapsel.

Je stärker die Richtwirkung von Richtrohmikrofonen desto schmaler wird der Aufnahmewinkel. Aber Achtung - damit wächst auch die Empfindlichkeit nach hinten. Entsprechend stark gebündelte Richtrohrmikros funktionieren am besten in Umgebungen, in denen also 1. eine Hauptschallquelle isoliert werden soll, 2. Schall von der Seite existiert, 3. dieser reduziert werden soll und 4. sich möglichst keine Schallquellen (oder Reflektionsflächen) hinter dem Mikrofon befinden. Berücksichtigt man diese Vorgaben wird schnell klar, in welchen Anwendungsszenarien Richtrohrmikrofone am besten funktionieren:

1. Richtrohrmikrofone mit starker Richtwirkung sollten vor allem an der Tonangel und weniger (und wenn dann bewußt) an/auf der Kamera montiert werden. Ansonsten besteht die Gefahr, entweder Kamerageräusche oder Bewegungsgeräusche vom Kameraoperator hinter dem Mikrofon mit aufzuzeichnen.

2. Richtrohrmikrofone mit starker Richtwirkung eignen sich eher für weite Umgebungen (außen) mit seitlichen Schallquellen als für Innenräume mit Hall. Befindet man sich mit einem Richtrohrmikrofon in halllastigen Innenräumen außerhalb des Hallradius hat man verstärkt mit diffusen Audiosignalen zu kämpfen. Die gerichtete Wirkung des Richtrohmikrofons geht verloren. Hier können Mikrofone mit Nierencharakteristik mehr Sinn machen.

Dies sind jedoch keine in Stein gemeißelte Regeln. Zudem unterscheiden sich auch ausgewiesene Richtrohmikrofone Teils deutlich in ihrer Richtwirkung. Einige decken einen größeren Winkel ab und tendieren in ihrer Charakteristik mehr Richtung Niere - andere sind stärker gerichtet und in ihrer Richtcharakteristik bei der Keule. Hier gilt es individuell zu entscheiden, welches das bessere Richtrohrmikrofon für die individuelle Anforderung ist.

Zudem kann sich die Auswahl des Mikros auch ändern je nachdem, ob man im Team oder solo unterwegs ist. Und auch die Aufnahmesituation ist hierbei von Bedeutung – Mikrofonierungen für szenische Arbeiten können sich deutlich von Run&Gun unterscheiden.

Wer im Team mit Tonassistenz/Boom-Operator unterwegs ist, kann sich für Sprachaufnahmen/ Interviews ein stärker gerichtetes Boom-Mikrofon „leisten“, weil hier in der Regel das Richtrohrmikrofon perfekt nachgeführt/ausgerichtet wird.

Wer hingegen solo und womöglich noch Run&Gun unterwegs ist, kann mit einem weniger stark gerichteten Mikrofon deutlich besser auskommen, das bsp. auf der Kamera montiert weniger Handling-Geräusche von hinten aufnimmt und vor allem weniger gezielt gerichtet werden muss.

Hinzu kommt, dass die Interferenzrohre von Richtrohrmikrofonen recht anfällig für Wind sind. Auch hier macht das Richtrohrmikrofon inklusive voluminösem Blimp + Fell mehr Sinn an der Angel als auf der Kamera montiert.

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Wichtig scheint uns bei diesen Überlegungen, dass es nicht das eine, perfekte Mikrofon gibt, sondern viele Faktoren in die Wahl des jeweilig bestmöglichen Mikrofons hineinspielen.

Soweit unser kleiner Grundlagen-Text in Sachen Richtrohrmikrofon.

   

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