Test: LUMIX DC-G100/G110 - kompakter Vlogging-Traum?

24.06.2020 von Rudi Schmidts



Heute hat Panasonic seine neue Micro Four Thirds Kamera LUMIX DC-G110 (G100 international) vorgestellt, die besonders budgetbewusste Filmer und Vlogger ansprechen soll. Wir hatten vor einer Woche schon einmal Gelegenheit ein Vorserienmodell kurz anzutesten.

Wie immer als Disclaimer gleich vorneweg: Unsere Kamera war noch mit einer Vorserien Firmware ausgestattet, weshalb wir keine validen Messergebnisse für die finalen Modelle präsentieren wollen. Wir haben dennoch einige Messungen vollzogen, um die Kamera für eine Einschätzung grob einsortieren zu können. Doch nun erstmal zur Kamera selbst...

Vlogger als neue Zielgruppe

Bereits die Bestückung der Kits zeigt, dass der Fokus der Kamera primär auf Vlogger als neue Zielgruppe ausgelegt wurde. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn auch andere Hersteller scheinen in ihren Marktforschungsabteilungen unisono festgestellt zu haben, dass Vlogging noch eines der wenigen Wachstumssegmente für digitale Kameras ist. Zu den verkaufsfördernden Features zählen offensichtlich ausklappbare und drehbare Displays für Selfie-Aufnahmen, gute Audiofunktionen, solider Autofokus sowie eine integrierte Stabilisierung für Selfie-Aufnahmen beim Gehen. All dies beherrscht das neue LUMIX DC-G110 Kit zusammen mit dem mitgelieferten Objektiv FS12032.

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Klein, kompakt und leicht

Nach dem Auspacken des uns zur Verfügung gestellten Kits staunt man nicht schlecht: Eine derart kompakte und leichte (ca. 400g) MFT-Kamera hatten wir schon lange nicht mehr in der Hand. Trotz der geringen Abmessungen ist dennoch Platz für einen Sucher sowie ein ausklapp- sowie neigbares Display, welches sogar eine bei Vloggern gerne gesehene Selfie-Betrachtung beim Filmen ermöglicht.

Uns persönlich erfreuen dabei vor allem die vier frei belegbaren Tasten auf der Gehäuseoberfläche, die noch durch fünf weitere virtuelle Tasten im Touchdisplay erweitert werden. Vermisst haben wir unter den zahlreichen belegbaren Funktionen vor allem die Belichtungszeit, da an der Kamera nur ein Drehelement verbaut ist, das im manuellen Modus bereits fest für die Blende zuständig ist. ISO und Weißabgleich sind bereits fest als Kipptasten auf dem Auswahlrad erreichbar, aber eben nicht die Belichtungszeit. Immerhin kann man relativ schnell zu dieser springen, indem man auf dem Abfalleimer/Zurückbutton drückt, was die Kamera im Aufnahmemodus in ein Quick-Menü schickt, wo die Belichtungszeit als erster Parameter aktiv ist.

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Kein Fokusring

Besonders winzig wirkt die Kombination mit dem extrem kompakten 12-32mm Zoomobjektiv, das in jedem Kit mitgeliefert wird (LUMIX G VARIO 12-32 mm / F3.5-5.6 ASPH. / MEGA O.I.S.). Dieses muss vor der Nutzung erst einmal durch eine Drehung ausgefahren werden und besitzt nur einen Ring für die Brennweite. Ein manueller Fokusring fehlt, jedoch unterstützt die Kamera natürlich mit anderen MFT-Objektiven sehr wohl eine manuelle Fokussierung mit entsprechender Display-Vergrößerung. (Diese kann jedoch auch weiterhin nicht während der Aufnahme aktiv sein).

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass man sich mit dem Vlogger-Kit tatsächlich immer auf den Autofokus verlassen muss. Für Vlogger empfiehlt sich dann wohl das Touch Display mit Touch Autofokus als primäre Arbeitsweise. Mit unserer frühen Vorserien-Firmware zeigte sich der Autofokus noch gelegentlich etwas unentschlossen, jedoch soll es mit der finalen Firmware 1.0 zum Erscheinen der Kamera hier noch Verbesserungen geben. Bei unserem Vorserienmodell reagierte zudem der Touchscreen bei leichtem Drücken nicht immer sofort, sondern verlangte gelegentlich einen sehr "bewussten Druck" auf die gewünschten Stellen für eine garantierte Reaktion.

Einschätzung BIldqualität

Ein Kurztest mit einem Vorabsample legte keine Überraschungen an den Tag: Die Bildqualität der DC-G110 war für eine Panasonic MFT Kamera mit 20 MP-Sensor typisch. Die 5K-Sensorbreite wird ziemlich sauber auf 4K herunterskaliert und relativ stark gefiltert, ohne sichtbare Artefakte zu erzeugen.

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Interessant ist der V-Log Modus, der in der Nullstellung noch eine Menge Nachschärfung besitzt und in dem auch die Noise Reduction schon beherzt zugreift. Regelt man die Schärfe komplett auf -5 herunter verliert die Kamera feinste Details trotz fehlendem Low Pass Filter. Ein schöne cinematische Anmutung ist die Folge. Allerdings spürt man die Limitierung auf 8 Bit in der Nachbearbeitung deutlich.

Wer länger mit einer Panasonic S1(H) in Vlog gearbeitet hat bemerkt zudem einen deutlichen Unterschied im Belichtungsspielraum. Eine kurze Dynamikmessung zeigte, dass bereits ab ETTR-4 bei einer Rückbelichtung in der Post das sichtbare Rauschen einsetzt.

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Somit fehlt der DC-G110 gegenüber üblichen S35-Sensoren mindestens eine Blendenstufe, was ein für MFT-Modell typisch ist. Nur Kameras wie die GH5s oder Blackmagics Pocket Cinema Camera 4K erreichen hier ca. eine Blendenstufe mehr. Der hauseigenen LUMIX S1(H) würden wir sogar mindestens 2 Blendenstufen mehr Belichtungsspielraum zusprechen.

Stabilisierung

Der Sensor selbst ist nicht beweglich gelagert, kann aber Randpixel für eine elektronische Stabilisierung nutzen. Im normalen Modus reduziertén sich dabei die 4K-Auflösung und der Bildausschnitt kaum. in der zweiten, extremen Einstellung sind Bildwinkel dagegen deutlich beschnitten und die Auflösung geht auch so deutlich zurück, dass wir diesen Modus nicht empfehlen würden.

Beide Modi lassen sich zudem mit einer optischen Stabilisierung in der Optik kombinieren, im 4K-Videomodus wird die Stabilisierung allerdings von 5 möglichen Achsen auf 4 Freiheitsgrade reduziert. Jedoch selbst in HD mit 5 Achsen und hybrider Stabilisation darf man von so einer Lösung nicht die Stabiliserungsleistung eines Gimbals erwarten. Dennoch kann die hybride Kombination schon bemerkenswert viel Bewegung aus dem Bild zaubern.

Kurze Aufnahmezeiten und kein Tether for Streaming

Aus thermischen Gründen kann die G110 in 4K nur maximal 10 Minuten am Stück aufzeichnen. Für Vlogger, die gerne verbal ausschweifen eventuell ein Problem. In FullHD verlängert sich die maximale Aufnahmezeit auf 20 Minuten, was man wohl ebenfalls nicht den europäischen Zollbestimmungen anlasten kann. Über den HDMI-Port kann die Kamera übrigens ohne Zeitbeschränkung ausgeben, weshalb offensichtlich nicht der Sensor, sondern der interne Signalprozessor zu einer Überhitzung neigt.

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In diesem Zusammenhang was verwunderlich: Trotz expliziter Ausrichtung fürs Vlogging wird das kürzlich angekündigte Tool "LUMIX Tether for Streaming" nicht unterstützt. Dieses soll weiterhin nur gehobenen LUMIX-Modellen vorbehalten bleiben. Zu diesen zählt Panasonic aktuell folgende Modelle: DC-GH5, DC-G9, DC-GH5S, DC-S1, DC-S1R sowie die DC-S1H.

Fazit

Szenische Filmer könnten sich zwar durch das freigeschaltete V-Log Profil angezogen fühlen, bekommen jedoch mit den verfügbaren Kits keine gut abgestimmte Kombination in die Hand. Der fehlende manuelle Fokusring sowie die relativ hohen Blendenwerte des Kit-Objektivs erlauben kein sonderlich cinematisches Arbeiten. Ein Kit mit dem 25mm/f1.7 wäre hierfür weitaus interessanter. Die V-Log 8 Bit Limitierung lässt jedoch andere MFT-Modelle für diesen Zweck reizvoller erscheinen.

Vlogger die dagegen schnell und knackig scharf produzieren wollen, könnten den aktuellen Paketen sicherlich einiges abgewinnen, werden aber wahrscheinlich um V-Log einen Bogen machen, weil es einem schnellen Internet Produktionsworkflow diametral entgegensteht.

Die 10-/20-Minuten Beschränkung bei der Aufzeichnung könnten jedoch ebenso ein Dealbreaker sein, wie die fehlende Unterstützung von LUMIX Tether for Streaming. Positiv sind dagegen die Audiofunktionen und die zahlreichen Automatiken, um ohne große Einstellungen sofort losvloggen zu können. Ach ja. Und bemerkenswert klein ist sie in der tat:

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