Erfahrungsberichte: Überhitzung und Aufnahmelimits der Canon EOS R5 - neue Firmware, neues Glück

27.08.2020 von slashCAM



Die technischen Spezifikationen und die ersten Marketing-Versprechen von Canon zur Einführung der neuen EOS R5 und R6 ließen erst einmal die Herzen der Filmergemeinde höher schlagen. Doch mit den ersten Tests kam auch die große Ernüchterung: Denn beide Kameras konnten in ihren interessantesten Videomodi nicht sehr lange ohne Überhitzung durchhalten. Enttäuschung und Empörung unter vielen Filmern tobte daraufhin als Shitstorm durch das Netz.

Um dem Problem mit der Überhitzung auf den Grund zu gehen, haben wir uns akribisch mit dem Verhalten der Kameras auseinandergesetzt und währenddessen auch sehr früh, allerdings unter NDA erfahren, dass das Problem über ein Firmware-Update zeitnah behoben werden soll. Nun ist dieses Firmware erhältlich, die Sperrfrist gefallen und wir können euch über die Veränderungen zwischen der ersten und der neuen Firmware (V1.1.0) für die Canon EOS R5 berichten. Wir holen dabei etwas aus.

Schwer zu messen

Eines vorneweg: Es ist nahezu unmöglich, eine verlässliche Aussage zum Überhitzungsverhalten der Kameras zu treffen. Denn man bräuchte hierfür immer wieder reproduzierbare, konstante Umgebungsverhältnisse, die sich wohl nur in einer Klimakammer einhalten ließen, die eine regelbar konstante Innentemperatur bietet.

Wir hatten dagegen zuerst ein paar praktische Erfahrungen beim Dreh gesammelt, teilweise bei hochsommerlichen Außentemperaturen. Doch nachdem die Kameras sehr lange Abkühlzeiten einforderten, um quasi wieder frisch für einen Test starten zu können und sich in der Zeit Sonnenstand sowie die Außentemperatur immer schon wieder signifikant verändert hatten, war eine systematische Betrachtung des Problems "nebenbei" praktisch unmöglich. Wir konnten jedoch einige Datenpunkte sammeln um für das Verhalten der Kameras tendenziell zu beschreiben. Dennoch blieb die Streuung der beobachteten Werte auch im Vergleich zu anderen Tests aus dem Internet recht groß...

Selbst bei nahezu ähnlichen Bedingungen erschien uns das Verhalten der Kameras jedoch oft willkürlich. So schwankte beispielsweise bei der Canon R5 die Prognose der 8K-Restaufnahmezeit trotz ähnlicher Randbedingungen oft zwischen 2 und 5 Minuten. Und auch die tatsächliche Aufnahmezeit blieb anschließend spannend. Trotz prognostizierter 5 Minuten Restaufnahmezeit konnten wir einmal nur knapp über 3 Minuten aufzeichnen, in einem anderen Fall aber auch noch fast 7 Minuten.

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Unklare Erholungszeiten

Das größte Problem waren jedoch die extrem langen und nicht immer nachvollziehbaren Zeiten, welche die Kamera für ihre Erholung einfordert. Bei vielen von uns gesammelten Stichproben war einfach kein deutlicher Zusammenhang zwischen Abkühlungszeit und anschließend gewonnener Aufnahmezeit feststellbar. So gaben uns 20 Minuten Abkühlungszeit bei der R5 mit einem externen Recorder zwischen 10 und 18 Minuten weitere Aufnahmezeit. Aber auch 40 Minuten Abkühlung "schenkten" uns höchstens 17 Minuten. In einem Fall gelang uns jedoch auch schon nach 10 Minuten Abkühlen eine zusätzliche Aufnahme von fast 9 Minuten. In unseren Fällen bedeutete übrigens Abkühlung: Akku- sowie Kartenfach offen und leer sowie Objektiv abmontiert. Wer mit interner Aufzeichnung arbeitet und die Kamera zum Abkühlen einfach nur ausschaltet (evtl. weil sie in einem Rig verbaut ist), musste mit noch weitaus kürzeren Aufnahmezeiten rechnen.

Wir haben viele Messprotokolle geschrieben und Abkühlzeiten minutengenau protokolliert und uns immer wieder gefragt, warum erhitzt die Kamera in manchen Fällen so schnell und in anderen eher langsam. Doch wir fanden schlichtweg keinen plausiblen Zusammenhang. Auch waren die Aufnahmezeiten der ersten Takes praktisch immer gleich, egal ob die Kamera davor extrem kühl gelagert war oder fast glühend aus der prallen Sonne kam. Die Überhitzungsprobleme waren zwar definitiv vorhanden, aber irgendetwas wollte nicht ins Bild passen...

Die Sache mit dem Timer

Andrew von EOSHD fand die Zeiten ebenfalls so unerklärlich, dass er die interne Temperatur über EXIF-Daten in Photo-Serien einer EOS R5 im Kühlschrank protokollierte. Seine daraus abgeleitete Vermutung, dass bei der Canon eher ein interner Timer als die Chiptemperatur darüber bestimmt, wann man wieder wie lange filmen darf, wurde anschließend noch durch den Nutzer “Math Class” auf Baidu untermauert. Dieser entfernte die interne Systembatterie der Canon EOS R5 und konnte anschließend weitere 18 Minuten 8K-RAW filmen - ohne mehrere Stunden "Abkühlzeit" warten zu müssen.

Als eine von vielen Theorien war dies bis dahin in unseren Augen die beste Erklärung für das thermische Verhalten der Canon EOS R5 und R6. Tatsache ist, dass die Kamera mit offenen Schächten und ohne Objektiv innerhalb weniger Minuten abkühlt, aber Canon erst nach Stunden wieder ein längeres Filmen damit zuließ. Und nachgewiesen war nun auch, dass die Kamera sogar in 8K-RAW nach wenigen Minuten Abkühlzeit wieder mindestens 15 Minuten am Stück aufzeichnen kann, wenn man den internen Timer zurücksetzt. Hierfür muss man allerdings die Kamera aufschrauben und definitiv unter Garantieverlust die Platinen-Batterie entfernen. Oder den Akku bei laufender Aufnahme aus dem Akkufach reißen, nachdem man vorher die automatische Abschaltung des Akkuschließdeckels mit einer Blockade überlistet hat. Dabei riskiert man natürlich leicht, dass der gefilmte Clip nicht fertig geschrieben wird und im blödesten Fall sogar das Dateisystem der Speicherkarte unbrauchbar werden kann.

Neue Firmware, besseres Hitzeverhalten

Canon selber spricht in diesem Zusammenhang von einem Bug im thermalen Management der Kamera, das aus einem Zusammenspiel von mehreren Sensoren und Timern besteht. Diesen Bug will man nun mit der neuen Firmware behoben haben. Wo immer die Limitierung herkommen mag, Bug oder Feature, wir können der neuen Firmware jedenfalls attestieren, dass die Version 1.1.0 die EOS R5 nun für weitaus mehr Einsatzzwecke nutzbar macht.

Während man sich bei der ersten Firmware eigentlich immer nach spätestens einer halben Stunde primär mit der Planung von langen Abkühlphasen befassen musste, läßt sich die Kamera mit der neuen Firmware in dieser Hinsicht deutlich ungehinderter nutzen. Schon nach 15 Minuten Abkühlzeit konnten wir wieder mindestens 10 Minuten am Stück aufzeichnen. Und nach den ersten 20 Minuten Abkühlzeit waren sogar nochmal 20 Minuten Aufzeichnung in 8K RAW am Stück möglich.

Bei der ersten Firmware war dies noch ganz anders: Selbst nach Ruhepausen von über 120 Minuten prognostizierte die Kamera immer noch interne Aufnahmezeiten von maximal 5 Minuten.

Die Kameraprognose zu den Aufnahmezeiten bleibt auch mit der neuen Firmware noch sehr vorsichtig, wurde jedoch in der Praxis regelmäßig übertroffen.

Jetzt praxistauglich?

Es bleibt auch mit der neuen Firmware schwer, konkrete Daumenregeln für die Aufnahmezeiten zu entwickeln, da man hierfür sehr viele Faktoren in die Messungen einbeziehen muss. Neben der konkreten Außentemperatur sind dies der Codec, die Framerate, die genutze(n) Karte(n) und die Art der Abkühlung (Objektiv ab, Fächer offen etc.).

In der Praxis lassen sich mit der neuen Firmware nahezu ungehindert 8K- und 4K HQ Clips am laufenden Band produzieren, solange deren Einzelstücklängen nicht deutlich über 10 Minuten liegen und zwischen den Clips auch immer wieder gelegentliche Pausen liegen. Prognostizierte 15 Minuten 8K/4K HQ-Aufnahmezeit am Stück, die eine "frische Kamera" anbietet, werden nun nach einer Abkühlzeit von durchschnittlich 50 Minuten erreicht.

Für Dokumentationen, Event- oder Konzert-Filme, wenn lange Clips am Stück gefilmt werden sollen, bleibt die R5 also auch mit neuer Firmware ungeeignet - dafür müssen Canon-Filmer zu Modellen des Cinema EOS Lineups greifen. Solange man sich jedoch als "Best Practice" angewöhnt, in Aufnahmepausen die ungenutzte Kamera einfach mal ein paar Minuten auszuschalten, sollten sich mit der EOS R5 nun typische szenische Drehs ohne zusätzliche thermale Planung bewältigen lassen.

   

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