News: TICO-RAW - Endlich ein RAW für alle?

07.01.2021 von Rudi Schmidts



Mit TICO-RAW stellte die Belgische Firma intoPIX Ende letzten Jahres einen eigenen RAW-Codec fertig - und als Leser fragt man sich da natürlich unwillkürlich, was das bringen bzw. wer den denn noch einsetzen soll?

Schließlich hat fast jeder Kamerahersteller mittlerweile eine eigene RAW-Implementierung im Gepäck, wobei einige Hersteller (wie z.B. Nikon) die interne RAW-Aufzeichnung nach wie vor nur auf Standbilder beschränken. Doch neben den RED-Patenten besteht bei der internen RAW-Aufzeichnung von Bewegtbildern genau darin ein großes Problem: Denn es gibt schlichtweg zu viele RAW-Formate, was die Unterstützung in der Nachbearbeitung löchrig macht. So unterstützt schon heute kein Schnittsystem jedes RAW Format.

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Dieses Problem hatte schon Adobe vor über einem Jahrzehnt kommen gesehen und CinemaDNG als einen möglichen Standard vorgeschlagen - den leider jedoch kaum jemand aufgegriffen hat. Erst als Blackmagic Design für seine ersten Kameras CinemaDNG nutzte, kam Bewegung in das universelle RAW-Format. Doch zu dieser Zeit war Adobe selbst schon wieder von der Idee abgekommen und somit "runter vom Bus".

Das größte Problem von CinemaDNG in der Adobe-Urfassung war die fehlende Kompression. Dies behob Blackmagic Design, indem es den CDNG-Standard um zusätzliche Kompressionsmöglichkeiten erweiterte. Und damit zugleich auch die Aufmerksamkeit von RED auf sich zog.

Denn RED hatte sich im letzten Jahrzehnt mit diversen Kamera Herstellern angelegt und versucht(e), mit einem relativ trivialen Patent die komprimierte interne RAW-Aufzeichnung als REDs Alleinstellungsmerkmal im Kameramarkt zu verankern.

Mit dem zweifelhaften Erfolg, dass fast jedes neue RAW-Format für Bewegtbilder praktisch überhaupt nicht mehr so "raw" ist, wie die ursprüngliche Idee dahinter. So ließ Blackmagic CinemaDNG zugunsten eines eigenen red-rechts-sicheren RAW-Formats (BRAW) dann auch fallen.

Von der ursprünglich mathematisch verlustfreien Speicherung roher Sensordaten sind viele Hersteller dazu übergegangen, die Sensordaten eben nur noch "so gut wie" RAW zu speichern, was man weitläufig als "visually lossless" bezeichnet. Also halt immer noch so gut, dass nicht mal ein Pixelpeeper einen Unterschied finden sollte.

Im Gegenzug können moderne Codecs damit weitaus stärker komprimieren und somit mit weitaus geringerer Datenrate aufzeichnen. Und im besten Fall auch noch REDs Patent umschiffen.

Auch Cineform hatte übrigens bereits vor Jahren einen universellen, komprimierenden RAW-Codec für Kamerahersteller vorgeschlagen, doch die tatsächliche Nutzung bei Kameraherstellern blieb hier ebenfalls aus.

Warum sollte also intoPIX mit dem neuen TICO-RAW nun ein größerer Erfolg zuteil werden?

Als primären Vorteil preist intoPIX für seine neue RAW-Alternative deren hohe Effizienz an. So sollen die En- und Decoder auch bei hohen Auflösungen mit Latenzen im einstelligen ms-Bereich arbeiten können. Dies wirkt sich indirekt natürlich auch auf die Editing-Performance im Schnittsystem aus. Wenn man nur noch einen Bruchteil der RAW-Daten von den SSD übertragen muss und das Decoding trotzdem in Echtzeit erfolgt, ist eine responsive 8K-Timeline prinzipiell kein Problem mehr.

Doch andere RAW-Dialekte wie Blackmagic RAW schaffen dies bereits heute ebenfalls, zumindest mit mit speziellen GPU-Decodern. Ähnliches stellt TICO RAW selbstredend ebenfalls als SDK für Hersteller von Schnittsystemen zur Verfügung:

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Der Grund, weshalb wir echte Chancen für TICO RAW sehen: Die Firma stellt bereits fertige IP-Cores zur Verfügung. Hierunter versteht man fertige Baupläne, mit denen sich der Codec in die Chips von Kamerarherstellern "einpflanzen" lässt. Solche IP-Cores stehen dabei sowohl für FPGAs (Xilinx und Altera/Intel) als auch als ASIC-"Schaltplan" zur Verfügung. Hersteller von ASIC Kameras wie Sony, Canon oder Panasonic, aber auch kleinere FPGA-Anbieter wie Z-Cam, Kinefinity oder auch Blackmagic könnten diese IP-Cores mit sehr kurzer Entwicklungszeit in ihre Kameramodelle "einkaufen".

Weiters sieht intoPIX den TICO RAW Codec auch als praktisches Tool, um Sensordaten innerhalb des Systems nahezu verlustfrei zu transportieren. So können höhere Auflösungen und/oder Frameraten realisiert werden, ohne die Busse zwischen den Systemkomponenten verbreitern zu müssen. Das macht den Codec neben dem typischen szenischen Kamera-Einsatz auch für ganz andere Anwendungen interessant.

Neben einer überzeugenden Performance in echten Anwendungen dürfte der Erfolg von TICO RAW jedoch vor allem von den verlangten Lizenzgebühren abhängen. Und von der Bereitschaft der Hersteller in diesem Bereich überhaupt noch viel zu investieren. Schließlich lohnt sich die Entwicklung neuer ASICS/FPGA-Kameras für viele Hersteller kaum noch, weil die Stückzahlen einfach nicht mehr so hoch ausfallen wie vor zehn Jahren.

   

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