Test: Sony A7S III vs Canon EOS R6 Vergleich: Autofokus mit f1.8 offener Blende beim Interview

04.02.2021 von Rob



Die aktuellen Vollformat DSLMs von Canon und Sony verfügen derzeit über den besten Video-Autofokus in ihrem Segment. Wir haben in diesem Praxis-Test ein Interview mit komplett offener Blende f1.8 mit der Sony A7S III und der Canon EOS R6 parallel gefilmt. Wir wollten wissen, ob der Autofokus hierbei stabil und verlässlich genug arbeitet, um sich 100% auf ihn verlassen zu können. (inkl. Videoclip).

Viele dürften entsprechende Interviewsituationen kennen: Der Hintergrund ist unruhig oder schlicht hässlich und soll bestmöglich ausgeblendet werden oder das Kopflicht der Kamera ist wieder mal zu schwach und man ist bereits bei der maximal zumutbaren ISO angekommen:

Jetzt heisst es Blende öffnen - doch das macht das Fokussieren beim Interview deutlich anspruchsvoller - vor allem für Solo-Operator. Wenn dann auch noch der Interview-Partner zu den stärker vor- und zurück körperlich arbeitenden Individuen zählt, wird das Fokussieren vollends zur Herausforderung … es sei denn man könnte sich auf einen Video-Autofokus verlassen, der auch bei einer komplett geöffneten Blende zuverlässlich funktioniert.

Um dieses Szenario (bei zugegeben recht guten Tageslichtverhältnissen) zu simulieren, haben wir ein Interview mit Caro im Freien geführt (Corona sei Dank) und hierbei Caro gebeten, sich maximal in ihrem Sitz nach vorne und nach hinten zu bewegen.

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Gefilmt haben wir mit der Sony A7S III und der Canon EOS R6 auf dem gleichen Stativ parallel nebeneinander montiert. An Objektiven kamen das Canon RF 35mm f/1.8 IS STM an der Canon EOS R6 und das Sony 35mm FE 1.8 an der Sony A7S III zum Einsatz. Ebenfalls mit von der Partie waren das Manfrotto Fast Twin Leg Stativ inkl. Manfrotto Fluid-Videokopf 504X. Für die Montage der zweiten Kamera haben wir den Manfrotto Magic Arm 244 Mini direkt am Fluidkof genutzt, (der Dank Ani-Rotation Lock problemlos eine DSLM gehalten hat). Bei beiden Kameras war neben dem Autofokus auch die Gesichtserkennung aktiviert.

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Aufgenommen wurde im jeweiligen Log-Format: Bei der Sony A7S III mit S-Log3 und bei der Canon EOS R6 mit Canon Log.

Da wir – typisch für einen Aussendreh - immer wieder mit wechselnden Lichtverhältnissen zu tun hatten, haben wir versucht, das Videomaterial so gut (und schnell) es geht aneinander anzugleichen.

Wieviel Schärfentiefe bei f1.8 / 35mm?

Wenn wir uns die einzelnen Frames von Caro bei der hier genutzten Blende f1.8 und der 35mm Festbrennweite genauer anschauen, finden wir einen recht knappen Schärfebereich vor, der noch ihre Augen beinhaltet aber das Ohr schon nicht mehr. Das deckt sich auch mit der DOF-Limit Berechnung bezogen auf den Kamerastandpunkt: Der Schärfebereich liegt bei einem Kameraabstand von ca. 1m bei einer Blende f1.8 bei einer 35mm Optik bei ca. 8 cm.

§Caro@f1.8§

Für eine etwas konzentriertere Sicht hier auch nochmal ein kleinerer 1:1 Ausschnitt des 4K Materials:

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Bei der Simulation einer Gesprächspartnerin, die sich während des Interviews auf ihrem Sitz stärker nach vorne und zurück bewegt, landet Caros Kopf dann bereits komplett in der Unschärfe:

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Und hier auch im Vergleich beider Kameras bei abgeschaltetem Autofokus bei Blende f1.8: Links Canon EOS R6 – rechts Sony A7S III:

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Zwar wäre eine 35mm Festbrennweite nicht unbedingt unsere 1. Wahl für ein entsprechendes Interviewframing – doch da wir hier immer noch einen ausreichend knappen Schärfebereich produzieren konnten und beide Objektive verfügbar waren, haben wir unseren Autofokusvergleich dann hiermit umgesetzt.

Wie gut ist der Sony und Canon Autofokus bei offener Blende?

Der Autofokus inklusive aktivierter Gesichtserkennnug performte sowohl bei der Sony A7S III als auch bei der Canon EOS R6 während der gesamten Dauer des ca. 40-minütigen Interviews auf erfreulich hohem Niveau. Und dies sowohl als wir Caro mit Sonnenbrille als auch ohne gefilmt haben.

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Wir hatten tatsächlich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass wir mit manueller Schärfe zu einem besseren Ergebnis gekommen wären. Dies gilt für beide Kameras.

Schaut man ganz genau hin, fällt zumindest eine Sequenz auf, bei der sich Caro recht schnell zurücklehnt, bei der der Autofokus der Canon minimal länger benötigt, um nachzuziehen. Hier hat die Sony A7S III – zumindest in dieser Kamera-Objektiv Kombination - die Nase einen Hauch vorn. Trotzdem ist auch in dieser Situation der AF der Canon EOS R6 besser als wir es per Hand hätten ziehen können.

Für uns steht damit fest: Für Talking-Heads Interviews, bei denen wir mit einer komplett geöffneten Blende – aus welchen Gründen auch immer – aufnehmen müssen. Bieten die Sony A7S III und die Canon EOS R6 (und unserer Einschätzung nach ebenso die Canon EOS R5 und die neue Sony A1) eine ausreichend verlässliche Autofokusperformance - auch für professionelle Ansprüche: Das sind gute Nachrichten vor allem für kleine Aufnahmeteams und Solo-Operator.

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Auch für Gimbalaufnahmen haben wir den AF der aktuellen Canons und der Sony A7S III bereits mehrfach mit guten Ergebnissen nutzen können. (Für szenische Drehs sehen wir allerdings noch mehr Vorteile beim manuellen Fokussieren.)

Und wer doch noch nicht ganz der schönen neuen Autofokuswelt vertraut, findet bei beiden Kameras unterschiedliche aber ebenfalls sehr gute Optionen für das (manuelle) Schärfemonitoring: Bei Canon den hervorragenden Dual Pixel Fokus-Assistenten, der auch im manuellen Betrieb Augentracking unterstützt - und bei der Sony A7S III die Suchervergrösserung, die sich auch während der Aufnahme zuschalten lässt.

Fazit

Unterm Strich sind die Autofokus Facetracking-Funktionen der aktuellen Kamerageneration von Sony und Canon für Szenarien wie bei unserem Interview hier ein echter Zugewinn. Vor allem die hohe Zuverlässigkeit der AF-Facetracking Funktion hat uns beeindruckt. Damit stellt der Gebrauch des AF bei Talking Heads Interviews mit diesen Kameras für uns eine vollwertige weitere Option dar. Auch im Gimbaleinsatz haben sich bei uns beide Kameras im AF-Betrieb bestens bewährt (Objekt-Tracking-AF).

Für szenische Kameraarbeit überwiegen für uns allerdings noch die Vorteile bei der manuellen Schärfeführung: Hier ist einfach nochmal mehr Kontrolle und auch eine unkompliziertere Handhabung als Stilmittel möglich.

Trotzdem beeindrucken die hier gezeigten AF-Funktionen gerade auch weil sie für bestimmte Motive und Szenarien eine echte Entlastung darstellen und damit genau das, was innovative Technik im besten Fall liefern kann.

Jetzt sind wir gespannt, welcher Hersteller bei der Autofokus-Verlässlichkeit nachzieht und als nächstes eine entsprechend sichere AF-Funktion bietet – wir bleiben beim Thema Autofokus auf jeden Fall dran ...

   

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