News: Fallende Grafikkarten Preise? - Keine falschen Hoffnungen!

28.06.2021 von Rudi Schmidts



Vor rund einem Monat gab es erste Anzeichen, dass sich die aufgeheizten Cryptomärkte vielleicht etwas abkühlen und sich in Folge die Grafikkartenpreise ebenfalls wieder in vernünftige Regionen bewegen könnten. Nach einigen heftigen Auf-und Abbewegungen des Bitcoins in den letzten Tagen verzeichnen einige Marktbeobachter nun tatsächlich ein Nachlassen der GPU-Preise. Das Licht am Ende des Tunnels ist jedoch noch nicht sehr deutlich zu erkennen. Denn die Erkenntnis "weniger Cryptomining bedeutet mehr GPUs" ist gerade mal die halbe Wahrheit...

Grafikkarten wirklich günstiger?

Die letzten Tage konnte die IT-Presse endlich einmal gute Zahlen für Grafikkarten-Käufer verkünden: Die GPU-Listungen bei diversen Preisvergleichsportalen zeigten eine deutlich verbesserte Verfügbarkeit diverser GPU-Typen bei gleichzeitig fallenden Preisen. Und auch Nachrichten aus China, laut denen das Mining vor Ort und der Handel deutlich strenger reglementiert werden sollen, sowie tatsächlich fallende Hashraten in großen Blockchains wie Ethereum sollten eigentlich ein klare Sprache sprechen: Die zweite Cryptoblase platzt. Oder ist am platzen. Oder platzt vielleicht bald...

Bei einem genaueren Blick auf die GPU-Preistrends sieht man jedoch, dass wir uns noch immer auf einem ziemlich hohen Niveau befinden. Durchschnittlich wird jede Grafikkarte nach wie vor zur doppelten UVP verkauft. Zwar lagen die Preise vor sechs Wochen in Spitzenfällen sogar beim Dreifachen. Das aktuelle Niveau gab es allerdings auch schon in den letzten drei Monaten immer wieder zu sehen. Daher fragen nicht nur wir uns: Werden die Grafikkarten auf diesem Niveau nun weiter verharren oder fallen die GPU Preise noch weiter?

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Crash oder Stagnation?

Wir vermuten leider, dass die Preise erst einmal auf dem aktuell hohen Niveau stagnieren werden. Denn der Cryptocrash hat (noch?) nicht wirklich stattgefunden. Für diese Einschätzung darf man einen Vergleich zum letzten Crash von 2017/1018 ziehen. Hier fiel der Bitcoin von seinen Spitzenkursen um die 20.000 Dollar innerhalb von 6 Wochen auf ein Niveau von 6.000 Dollar und wurde ein Jahr später sogar kurzzeitig um die 3000 Dollar gehandelt.

Nach seinen All-Time-Highs von Februar bis April 2021 (ca. 65.000 Dollar) steht der Bitcoin zum Zeitpunkt dieses Artikels gerade mal bei 34.000 Dollar und ist damit "nur" knapp halbiert. Nachdem GPU-Mining-Währungen wie Ethereum mit dem Bitcoin stark korrelieren, lässt sich auch hier ein Vergleich wagen. Die meisten ETH-GPU-Miner sind 2018 erst ausgestiegen, als sich der Bitcoin geviertelt hatte und es nach einer langen Phase fallender Kurse wirklich danach aussah, dass der Spuk endgültig vorbei ist. Selbst einige Bitcoin ASIC-Miner verkauften Ende 2018 ihre Spezialhardware (z.B. Ant-Miner) zu Spottpreisen, weil der Bitcoin Preis über einen längeren Zeitraum die Stromkosten nicht hereinspielte. Dies passiert zwar aktuell in China auch, aber nicht mangels Rentabilität, sondern aufgrund eines faktischen Mining-Verbots der chinesischen Regierung.

Es bleibt wichtig anzumerken, dass jeder Miner der nach 2018 trotz negativer Stromkosten-Bilanz stur weitergemacht und seine Erträge einfach nur gehalten hat, im Frühling 2021 mit dieser Strategie extreme Gewinne einfahren konnte. So hat sich Ethereum seit 2018/2019 von ca. 100 Dollar auf bis zu 4000 Dollar verteuert. Und wird sogar immer noch für ca. 2000 Dollar gehandelt. Trotz aktuellem "Crash" also dennoch eine ansehnliche Gewinnspanne.

Wer nun schon mehrere Krypto-Crashs erlebt hat, dürfte daraus vor allem eines gelernt haben. Dabeibleiben hat sich in den letzten Jahren letztlich immer gelohnt. Und deswegen vermuten wir, dass es nach diesem dritten Cryptocrash nicht dazu kommen wird, dass sich viele Miner von ihren GPUs trennen. Der angekündigte Abschied von Ethereum zu einem "Proof Of Stake" Algorithmus wird einfach nur andere GPU-Kryptowährungen einträglicher machen. Solange man Proof of Work Mining mit GPU-Rechenleistung nicht weltweit mit strengen Strafen ahndet, wird dieser ökologische Wahnsinn mittelfristig nicht verschwinden. Leider. Denn die Hoffnung auf satte Gewinne in der Zukunft kann fast jede Blockchain bedienen und alle Crashs in der Vergangenheit haben sich bis heute trotzdem ausbezahlt.

Falls es also mit den Crypto-Märkten überhaupt noch weiter herunter gehen sollte, so muss der Verfall noch deutlich stärker ausfallen und so nachhaltig sein, dass er eine relevante Zahl an Minern "vergrault". Schätzungsweise müsste dafür der Bitcoin längere Zeit deutlich unter 10.000 Euro gehandelt werden. Und danach sieht es aktuell nicht aus, was aber nicht heißt, dass sich eine solch wünschenswerte Situation nicht noch über den Sommer hinweg einstellen könnte.

Miner nur ein Teil des Problems

Doch selbst wenn die Miner die Grafikkarten nicht mehr so stark nachfragen sollten, bleiben noch zahlreiche andere Verwerfungen, die aktuell die gesamte Halbleiterindustrie heimsuchen. Von fehlenden Substraten zu übervollen Auftragsbüchern bei den Chipfertigern: Die gesamte Chip-Produktion ist aktuell weltweit aus dem Gleichgewicht. Und die daran gebundenen Lieferketten sind ebenfalls nicht erst seit dem blockierten Suezkanal gestört. Aktuell sind beispielsweise Chinas wichtigste Container-Häfen wegen neuen Corona-Maßnahmen ein sehr enges Nadelöhr für die Chipwirtschaft.

Branchenkenner gehen davon aus, dass man noch bis Anfang 2022 mit einer extremen Lieferunsicherheit für Halbleiter rechnen sollte. Erst dann könnten sich die gröbsten Knoten spürbar gelöst haben. Extreme Pessimisten glauben sogar erst an eine Lösung der Probleme ab 2024, da man ab diesem Jahr mit einer tendenziellen Halbleiter-Überkapazität rechnet. Aktuell werden nämlich weltweit zahlreiche zusätzliche Chip Fertigungs-Anlagen geplant, die frühestens Ende 2023 in Betrieb gehen können.

Was tun?

Wahrscheinlich werden die Kryptokurse um das aktuelle Niveau pendeln und Grafikkarten mindestens bis Weihnachten noch sehr deutlich über ihren UVPs verkauft werden. Wer demnächst eine neue GPU braucht sollte sich daher mit dem aktuellen Preisniveau arrangieren.

Vielleicht gibt es auch noch einen echten, richtig deftigen Cryptocrash - dann dürfte dies auch die Grafikkarten-Preise schlagartig nach unter drücken. Dieses Szenario erscheint jedoch aktuell unwahrscheinlich. Aber das war das plötzliche Auftauchen einer weltweiten Pandemie vor 18 Monaten auch...

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