Ratgeber: Sucher vs LCD / Klappdisplay - womit filmt man besser? Teil 1: Der Sucher

08.07.2021 von Rob



Die Debatte um das beste Werkzeug zur Beurteilung des Geschehens vor der Kamera wird immer wieder neu mit Teils emotionalen Argumenten geführt. Wir haben hier einmal versucht, die wesentlichen Argumente für den Bereich DSLM/Camcorder zusammenzutragen, um etwas Hilfestellung bei der Wahl des passenden Tools zu geben. Tatsächlich ist die Frage Sucher oder LC-Display komplexer als man auf den ersten Blick meinen könnte …

Goodbye optischer Sucher

Die Tage von optischen Suchersystemen scheinen gezählt zu sein. Zwar gibt es immer wieder Retro-Projekte, bei denen auf analogem Film mit optischem Sucher gedreht wird und uns ist auch bewußt, dass DOP-Größen wie Roger Deakins auch bei digitalen Alexas noch ein ganze Weile optische Suchersysteme bevorzugt haben – (zumindest noch bei der Studio Alexa). Aber all dies sind eher Ausnahmen als die Regel.

ARRIFLEX 35 II von 1946 mit optischem Sucher
ARRIFLEX 35 II von 1946 mit optischem Sucher

Die Kameratechnik hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht und dies gilt nicht nur für die immer kompakter werdenden Kameragrößen und qualitativ stetig hochwertigeren Aufnahmeformate sondern auch für die Qualität der elektronischen Suchersysteme:

Hohe Bildwiederholraten sorgen mittlerweile für ruckelfrei Wiedergaben, OLED-Technologie garantiert hohe Kontrastumfänge bis hin zu HDR-fähigen Suchersystemen und die Auflösung moderner Suchersysteme erreicht bei DSLMs mittlerweile 9.4 Mio Bildpunkte (also ca. HD-RGB-Pixel-Auflösungen im 4:3 Format). Hinzu kommen immer hochwertigere Color-Science-Implementierungen und jede Menge Zusatzfunktionen inkl. diverser Overlays.

Sony A1 Sucher mit 9.4 Mio Bildpunkten
Sony A1 Sucher mit 9.4 Mio Bildpunkten

Die einstigen Vorteile optischer Suchersysteme mit ihrer verzögerungs- und ruckelfreien Abbildung, realistischer Farbwiedergabe und sehr guter Schärfebeurteilung werden mittlerweile auch von aktuellen High-End EVF-Systemen erreicht und damit technisch obsolet.

Wir empfehlen zwar allen angehenden Filmemachern auch mal den Blick durch ein optisches Suchersystem (wenn möglich) – doch notwendig ist dies, abgesehen von filmhistorischer und vielleicht nostalgischer Bedeutung, nicht mehr. Die Filmwelt mag sich bei gewissen, ritualisierten Workflow-Abläufen und Gewohnheiten eher langsam entwickeln – aber der optische Sucher ist kein essentieller Part mehr. Von daher heisst es:

Auf Wiedersehen optischer Sucher.

Vorteile elektronischer Sucher

Ergonomie

Wir sind mittlerweile so sehr mit elektronischen Sucher- und Monitorsystemen vertraut und „groß“ geworden, dass bei uns an erster Stelle bei den Vorteilen die Ergonomie und das damit einhergehende Kamerahandling steht.

Elektronischer Sucher von Sigma
Elektronischer Sucher von Sigma

Vor allem bei kompakten Camcordern und DSLMs schätzen wir den zusätzlichen „Körperkontakt“ am Auge als Kontaktpunkt, der zusätzliche Stabilisierung bei der Aufnahme bringt. Im Gegensatz zum Handling mit mehr oder weniger gestreckten Armen und dem Klappmonitor lassen sich Kamerabewegungen viel exakter ausführen – vor allem wenn es sich um kleinere Anpassungen beim Framing handelt.

Dies gilt jedoch nicht nur für die Handkameraarbeit mit bewegter Kamera. Auch am Stativ sehen wir – solange es nicht um 180° Schwenks geht – vor allem bei feinen Ausschnittsveränderungen den Sucher als Tool der Wahl.

Eine suchergeführte Kamera ist jedoch auch in gewissem Maße abhängig von der Körperhöhe des Operators. Großgewachsene laufen Gefahr hier in eine für Protagonisten wenig schmeichelhafte Aufsicht zu geraten. Hier heisst es dann für großgewachsene Kameraleute mit den Knien zu arbeiten :-) Alternativ wäre hier das Arbeiten mit dem Klappdisplay vielleicht auch ergonomisch die bessere Alternative, um aufsichtige Shots zu vermeiden (Froschperspektiven wollen natürlich auch mit Bedacht gewählt werden).

Abschattung

Für uns mit einer der wichtigsten Gründe pro Viewfinder ist dessen Vermögen bei hellem Umgebungslicht eine bestmögliche Abschattung zu bieten. Selbst bei Kamerasystemen , die eher für Klappdisplays ausgelegt sind, würden wir daher wenn möglich stets auch eine Sucher-Option bsp. via HDMI-Out oder einen optionalen Suchertubus wie man ihn von der FS7 etc. kennt, bzw. eine LCD-Lupe (Z-Finder) installieren.

 Zacuto Z-Finder für die Canon EOS C70
Zacuto Z-Finder für die Canon EOS C70

Sonnenblenden für LC-/Klappdisplays sind zwar ein durchaus gangbarer Kompromiss, wenn kein Sucher zur Verfügung steht – doch die Abschattung eines Suchers erreichen diese nicht.

Bildkontrolle

Ein weiterer Vorteil (und manchmal auch Nachteil) von Suchern besteht in der ihnen möglichen Bildkontrolle – oder anders gesagt: In der Reduktion/Konzentration auf den wesentlichen Ausschnitt. Zwar bieten professionelle elektronische Sucher häufig auch sog. SurroundView/Overscan-Funktionen, um auch das Geschehen außerhalb des aktuellen Frames betrachten zu können, doch in erster Linie fokussieren Sucher den Blick stark durch das Ausblenden der Umwelt.

Viele DOPs die vor allem Suchersysteme bevorzugen, schätzen vor allem diese Konzentration auf das Bild und verzichten bewußt auf alle anderen Zusatzinformationen, die elektronische Suchersysteme zusätzlich zu bieten haben. Diesen „Luxus“ des reinen Bildes kann man sich jedoch eher im Team leisten, wenn bsp. der Fokus von anderen bedient wird und man es mit kontrolliertem Umgebungslicht zu tun hat – sprich: bei szenischem Arbeiten.

Auflösung

Moderne Suchersysteme lösen deutlich höher als ihre Klappdisplay-Verwandten auf. Highend-Suchersysteme sind mittlerweile bei über 9 Mio Bildpunkten angekommen, während aktuelle LCDs zumeist bei 2 Mio Bildpunkten liegen. Vor allem für die Schärfebeurteilung von Auflösungen jenseits von 4K kann man unserer Erfahrung nach aktuell gar nicht genug Auflösung zur Verfügung haben.

Wer auf eine bestmögliche Fokusbeurteilung wert legt, ist mit den aktuellen Suchersystemen besser bedient als mit dem Klappdisplay. Fokusassistenz-Funktionen wie Peaking, Suchervergrösserung etc, braucht es zwar – gerade bei 8K Aufnahmen - trotzdem noch, doch die letzte Generation an Suchersystemen hat einen merklichen Sprung in der Auflösungsleistung gemacht, der in der Praxis eine echte Hilfe darstellt.

Nachteile elektronischer Sucher

Ergonomie-Contra

Die Arbeit mit dem Sucher kann ergonomisch sowohl ein Vorteil aber auch ein Nachteil sein. Die stärkere Bindung auf die Körpergröße des jeweiligen Operators hatten wir ja bereits erwähnt. Hinzu kommen schwierig bis kaum zu kontrollierende Low- und Highangle Shots.

Clevere Zweiteilung in Sucher und LC-Display bei ARRI hier beim ALEXA Mini LF MVF-2
Clevere Zweiteilung in Sucher und LC-Display bei ARRI hier beim ALEXA Mini LF MVF-2

Durch den Sucher befindet man sich so immersiv wie möglich „im Frame“. Das bedeutet jedoch auch, dass man schlecht vorbereitet auf Ereignisse ist, die sich außerhalb des Bildausschnitts abspielen oder kurz davor sind, in diesen einzutreten. Wer für Reportage /Event/DOK-Film häufig auf Unvorhergesehenes reagieren muss, kann mit einem LC-Display, bei dem man die Umwelt stärker antizipiert, besser aufgehoben sein.

Du hast da eine Kamera im Gesicht

Wer beispielsweise als Solo-Shooter darauf angewiesen ist, mit seinen Protagonisten vor der Kamera eine Beziehung aufzubauen oder gar selbst ein Interview führen will oder muss, dürfte es mit einer ausschließlich sucherbasierten Aufnahme eher schwer haben.

Die Kamera vor dem Gesicht kann hier im schlechtesten Fall ein echter Atmosphäre/Chancen-Killer sein. Abhilfe schafft da die Arbeit mit einem LC-Display.

Kann für Brillenträger problematisch sein

Je nach technischem Aufbau und Suchergröße können Sucher problematisch für Brillenträger sein. Gute Suchersysteme bieten zwar einen qualitativ hochwertige Dioptrien-Ausgleich, doch wer spezielle Korrekturen benötigt, kann hier auf Probleme stoßen.

 Panasonic S1H mit großer Augenmuschel
Panasonic S1H mit großer Augenmuschel

Einige Suchersysteme bieten Okulare mit größeren Durchmessern, die geeigneter für Brillenträger sein sollen. Wir raten in diesem Fall zu ausführlichen Tests von Suchersystemen bevor man sich für ein Kamerasystem entscheidet.

Ermüdung

Moderne Suchersysteme, die Teils sogar HDR-fähig daherkommen, bieten nicht nur einen hohen Kontrastumfang sondern vielfach auch eine beachtliche Helligkeit. Für das Auge bedeutet das häufig Stress, was nach langen Kameratagen durchaus zu Ermüdungserscheinungen bis hin zu Irritationen führen kann. Auch Hygiene spielt hier durchaus eine Rolle, weil die Augenmuschel Schweiß, Staub etc. ausgesetzt ist.

Wer kann, gönnt seinen Augen in möglichst regelmäßigen Abständen eine Pause – schließlich sind sie mit das wichtigste Werkzeug des Operators. Und das Okular und die Augenmuschel freuen sich über regelmäßige Pflege, die letztlich dem Auge des Operators zu Gute kommt. Wir empfehlen nicht an der Qualität des Suchers bzw. bei der Augenmuschel zu sparen, wenn man intensiv mit dem Sucher zu arbeiten gedenkt.

Soweit unsere Überlegungen zu den Vor- und Nachteilen von Suchersystemen im DSLM-Umfeld.

Was bevorzugt ihr beim Thema Sucher vs LC-Display? Was sind für euch die entscheidenen Vorteile von beiden Bildbeurteilungsoptionen?

Lasst es uns in den Kommentaren wissen.

Im zweiten Teil geht es dann mit den Vor- und Nachteilen des LC-/Klappdisplays und dem abschließenden Fazit weiter ...

   

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