Test: Kinefinity MAVO Edge 6K - ProRes statt compressed RAW

29.03.2022 von Rudi Schmidts



Nachdem die MAVO Edge 8K bereits seit einer Zeit auf dem Markt ist, schiebt Kinefinity mit der MAVO Edge 6K noch ein weiteres Vollformat Modell mit etwas geringerer Auflösung hinterher.

Im Gegensatz zu unserem letzten Test der Mavo LF ist der Markt der sogenannten Large Format Cinema Cameras mittlerweile deutlich angewachsen. Nicht nur, dass fast jeder wichtige Hersteller mittlerweile mindestens ein dediziertes Cine-Kamera "Large Format (LF)" Modell im Markt platziert hat. Gleichzeitig sind inzwischen auch noch zahlreiche hybride Kleinbild-Vollformat-Fotoapparate mit mächtigen Codecs und hohen Frameraten erschienen, die ebenfalls hochqualitativ szenisches Arbeiten ermöglichen. Mit 4K-8K Auflösung finden sich mittlerweile zahlreiche Vollformat-Modelle von Canon, Nikon, Panasonic und Sony, welche über einen externen Recorder sogar RAW-Aufzeichnung ermöglichen.

ProRes statt RAW als erste Formatwahl

Und dies führt uns gleich zum ersten großen Punkt der MAVO Edge 6K. Die Kamera erlaubt eine interne Aufzeichnung in diversen ProRes Dialekten (Proxy, 422/LT/HQ, 4444/XQ), jedoch kein ProRes RAW, welches ursprünglich einmal an- und dann wieder abgekündigt worden war. Auch das ehemals bereits eingesetzte, komprimierte KineRAW dürfte wohl dem bekannten juristischen Gebaren von RED zum Opfer gefallen sein und wird von Kinefinity schon länger nicht mehr angeboten. Allerdings fand sich bei unserem Modell in der Beta-Firmware eine Option für "uncompressed RAW". Hier sind die Datenraten jedoch astronomisch und nur in den seltensten Anwendungsfällen praktikabel. Ein kurzer Test dieses Formats scheiterte bei uns zudem an einer stark verzerrten Vorschau-Darstellung. Offiziell soll Uncompressed RAW jedoch sowieso erst mit einem Firmwareupdate im zweiten Quartal 2022 zur Verfügung gestellt werden.

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Letzten Endes ist die Edge 6K somit primär eine ProRes Kamera geworden, die dieses Format mit hohen Auflösungen und hohen Frameraten zuverlässig nutzt. Dies ist insofern noch etwas besonderes, weil viele andere "ProRes-fähigen" Kameras dieses Format oft nur bis zu einer Auflösung von 4K und/oder mit relativ niedrigen Frameraten aufzeichnen können.

Sony 6K DUAL ISO Sensor mit bis zu 12 Bit

In der MAVO Edge 6K wurde ein 6K-Fullframe-Sensor mit "normalen" Kleinbild-Vollformat 4:3-Abmessungen von 36 x 24mm verbaut, der dem Sensor in der Mavo LT entsprechen dürfte. Er kann mit maximal 6016 x 3984 Pixeln ausgelesen werden. Da der Sensor ein Bayer-Pattern besitzt, machen in 6K die hohen 4:4:4 oder sogar 4:2:2 Abtastungen von ProRes auf den ersten Blick weniger Sinn als RAW, denn man speichert in ProRes dann mit unnötig hoher Redundanz. Die 4:4:4-Formate speichern jedoch in 12 Bit, während alle ProRes 4:2:2 Formate "nur" in 10 Bit arbeiten.

Vor allem gegenüber der DSLM-Konkurrenz bietet die MAVO Edge 6K höhere Bildraten. Im einzelnen sind dies:

FF 6K 2.4:1 (6016x2520), 0.2-75fps

FF 6K 17:9 (6016x3172), 0.2-60fps

FF 5K 2.4:1 (5120x2160), 0.2-86fps

FF 5K DCI (5120x2704), 0.2-70fps

FF 6K 3:2 OG (6016x3984), 0.2-48fps

FF 5K 4:3 (5376x3984), 0.2-48fps

FF 5K 6:5 (4864x3984), 0.2-48fps

S35 4K HD 2.4:1 (3840x1600), 0.2-150fps

S35 4K DCI (4096x2160), 0.2-112fps

S35 4K 4:3 (4096x3072), 0.2-80fps

S35 3K 1:1 (3072x3072), 0.2-80fps

3K 2.4:1 (3072x1200), 0.2-195fps

3K DCI (3072x1620), 0.2-144fps

2K 2.4:1 (2048x860), 0.2-270fps

2K HD 2.4:1 (1920x800), 0.2-290fps

KineMag Nano - proprietär und/oder auch nicht

Aufgezeichnet wird (mit maximal 2 Slots) auf sogenannte KineMag Nano Medien. Diese sind einerseits proprietäre Medien, können jedoch auch als Gehäuse einzeln (für ca. 200 Dollar) erworben werden und selber mit handelsüblichen M.2 NVMe SSDs bestückt werden. Alternativ kann man auch fertig bestückte 1TB-KineMAGs für ca. 1000 Dollar erwerben, in denen handelsübliche Samsung SSDs verbaut werden.

Kinefinity bewirbt die KineMAGs mit mehreren Vorteilen. So stellen sie eine robuste Hülle für günstige M2 SSDs dar, die gleichzeitig einen zuverlässigen Sitz in der Kamera ermöglichen. Gleichzeitig ist im Gehäuse ein zusätzlicher USB-C Anschluss vorhanden, über den jedes KineMAG direkt an einen PC oder Mac zum Schnitt angeschlossen werden kann. Die Datenübertragung ist dabei mit USB3,1 Gen (10Gbps) möglich, ein zusätzlicher Reader ist somit nicht notwendig.

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Die Idee, USB-C direkt am Speichermedium zu verbauen, finden wir zwar einerseits ziemlich praktisch, aber auf Dauer trauen wir dieser Steckverbindung grundsätzlich keine so große Stabilität im "harten Praxiseinsatz" zu. Einen dedizierten Reader und ein günstigeres Gehäuse fänden wir persönlich als Kombination besser, aber das mögen andere Anwender vielleicht auch anders bewerten.

XLR, SDI und e-VarioND jetzt inklusive

Gegenüber den früheren Kinefinitys mit rund 1kg-Gehäusegewicht hat die MAVO Edge 6K spürbar zugelegt. Der immer noch kompakte Body wiegt ohne Zubehör bereits 1,6 kg. Dafür befinden sich mittlerweile an der Kamera nun auch zahlreiche professionelle Anschlüsse (u.a. SDI und XLR), für die man früher noch ein spezielles Modul kaufen und andocken musste.

Ein fast exklusives Alleinstellungsmerkmal stellt der der verbaute elektronische VariND FIlter dar: Dieser besteht aus einer Klarglas-Komponente sowie einem elektronischen, alternativ einfahrbaren e-Vari-ND-Filter mit Werten 0,6 to 2,4. D.h. man startet mit mindestens zwei Blendenstufen, wenn man den Filter einfährt und arbeitet alternativ mit dem Klarglas, wenn man kein Licht zu verschenken hat. Die ND-Filterwerte lassen sich stufenlos zwischen 0,6 bis 2,4 mit dem Drehbutton der Kamera verstellen.

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Eine weitere Besonderheit der Kinefinity ist die äußerst flexible Mount. So gibt es neben der "normalen" EF-, PL- und Nikon-Mount auch Mounts mit eingebauten Focal Reducer. Sogar eine Sony E-Mount ist verfügbar, allerdings ist diese nur passiv ausgeführt, was viele E-Mount Objektive nur eingeschränkt nutzbar macht. Mit den neuen spiegellosen Vollformat-Kameras von Canon, Nikon und (schon länger) Sony, ist diese Flexibilität jedoch keineswegs mehr einzigartig.

Die Bedienung ist schnell durchschaut und größtenteils auch gut durchdacht. Man kann den proprietären Monitor als Touchscreen verwenden, jedoch fanden wir die Nutzung der externen Buttons und Drehräder für uns in den meisten Fällen effektiver.

Das Seitendisplay hilft dabei mit dedizierten Tasten, mit denen sich fernab vom Hauptdisplay u.a. Shutter, FPS, Blende, ISO, ND und Kelvin/Weißabgleich einstellen lassen. Alle Einstellungen (auch an Formaten und Frameraten) ließen sich ohne Reboot verändern.

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Bei der Akku-Ausstattung kann man entweder V-Mount benutzen oder in der darunter liegenden Einfassung einen (Canon kompatiblen) BP-U Akku benutzen.

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Signalverarbeitung

Wer in 4K oder 6K arbeiten will, muss mit der internen Signalverarbeitung vorlieb nehmen. Denn extern lässt sich das Videosignal nur mit maximal 3G-SDI und somit in FullHD ausgeben. Über das zugehörige KineMON-Display funktioniert das 6K-Fokussieren allerdings sehr gut. Dank der nutzbaren Vergrößerung lassen sich auch kritische 6K-Auflösungsdetails zuverlässig fokussieren. Bei anderen Herstellern ist diese fundamentale Funktion teilweise nicht einmal in 4K-Auflösung selbstverständlich.

Rolling Shutter

Beim Rolling Shutter liefert die MAVO Edge 6K für das Jahr 2022 nur noch durchschnittliche Werte, die gegenüber den Werten der MAVO LF von 2019 unverändert geblieben sind. Für das Auslesen von vollen 3984 Zeilen benötigt sie ca. 20,7 ms. Da man in 6K jedoch oft in einem 16:9/17:9 HD-Seitenformat filmen wird, kommt die Kamera in 6K bei 3172 Zeilen auf noch bessere 16,5 ms. Diese Zeiten gelten auch für ProRes Formate im Oversampling (z.B. 4K Encoding bei voller 6K Sensorauslesung). Filmt man in Cinemasope oder in einem kleineren Sensor Ausschnitt, so verbessert sich die Auslesezeit prinzipbedingt noch weiter. Ein 1:1 S35-Readout mit 4096 x 2160 Senseln kommt dann beispielsweise auf runde 12ms.

4K-Debayering

Wie kaum anders zu erwarten gibt es beim 4K-Debayering Gutes zu berichten: Wird unser Chart in 6K aufgenommen und in 4K ausgespielt, sorgen sowohl das interne als auch das nachträgliche Herunterskalieren in der Post für tadellose Ergebnisse:

Die Kinefinity Mavo Edge 6K Readout 6K 24-75fps
Die Kinefinity Mavo Edge 6K Readout 6K 24-75fps

Gut zum Vergleich sieht man in einem 4K S35 Readout die typischen Probleme eines RGGB 1:1 Debayerings:

Die Kinefinity Mavo Edge 4K Readout 6K 24-112fps
Die Kinefinity Mavo Edge 4K Readout 6K 24-112fps

Das sind vor allem Zipper Artefakte sowie Aliasing Falschfarben schwarzweißen Mustern.

Dynamik

Wir feilen gerade an neuen Dynamik Einschätzungen, darum haben wir bei der Kinefinity aktuell nur eine "kurze" Einschätzung parat. So konnten wir keine außergewöhnlich hohe Dynamik feststellen, sondern eher eine typische Verteilung für einen 6K-Vollformat-Sensor. Grundsätzlich erinnert die Dynamik an die MAVO Edge LF, was ebenfalls dafür spricht, dass hier immer noch der gleiche Sony-Sensor zum Einsatz kommt.

Sonstiges

Auffällig ist gleich beim ersten Einschalten die lange Bootzeit von ungefähr 50 Sekunden. Dazu gesellt sich ein ziemlich lauter Lüfter, der jedoch nahezu verstummt, sobald man den Record-Button gedrückt hat. Die Lüftergeschwindigkeit lässt sich im Menü regeln, was den Radau in kühleren Umgebungen wirksam eindämmen kann.

Dazu hatten wir ein weiteres mal mit kleineren Bugs zu schaffen, die Kinefinity jedoch angeblich bereits auf dem Schirm hat und mit weiteren Firmware-Updates beheben will. So konnten wir beispielsweise in einem Fall die Aufnahme nicht mehr starten, was erst wieder nach einem langwierigen Reboot funktionierte. Und in einem anderen Fall bekamen wir die Blendensteuerung an einem Sigma 24-105mm 1:4 DG mit EF-Mount nicht zum laufen, wodurch wir das Objektiv letztlich nicht nutzen konnten. Hier ist natürlich nicht nachzuvollziehen, ob der Ball bei Sigma oder bei Kinefinity liegt, jedoch funktionierte das Sigma bisher an allen EF-Mount Kameras der Redaktion unauffällig.

Fazit

Die Kinefinity MAVO Edge 6K bietet in der "nackten" Bildqualität keine Vorteile gegenüber den meisten, vielfach günstigeren Konkurrenten, denn Rolling Shutter und Dynamik sind mittlerweile eher als durchschnittlich einzustufen. Echte Vorteile können dagegen die spezielle, kompakte Form des Bodys sowie der integrierte eVari-ND-Filter darstellen. Ob man die eingesetzten Speichermedien mit USB-C Ausgang als praktisch eingestuft, hängt dagegen stark vom eigenen Workflow ab. Wie mit jeder Kinefinity Kamera zuvor haben wir auch wieder einige Bugs erlebt, die wahrscheinlich irgendwann ausgebügelt sein werden. Bei echtem Interesse sollte man sich die Kamera vor dem Kauf aber sowieso wohl sicherheitshalber länger ausleihen und testen, ob der Workflow zu einem passt. Dafür dürfte aber schon automatisch der stolze Preis von 10.000 Euro für den Body und 14.000 Euro für ein drehfertiges Komplettset sorgen.

   

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