Ratgeber: IBIS vs EIS: Warum Sensorstabilisierung (IBIS) nicht immer die bessere (Kamera)Wahl ist

06.04.2022 von Rob



5-Achsen Sensorstabilisierungssysteme stellen aktuell die modernsten, internen Stabilisierungssysteme dar und deshalb sind Kameras mit IBIS besser als Kameras ohne – korrekt? Wie so häufig ist die Antwort darauf nicht ganz so einfach. .. hier wollen wir uns kurz einmal die Abhängigkeit der Stabilisierung von der genutzten Brennweite anschauen (am Beispiel der Canon EOS R5C und R5),

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Bei Diskussionen rund um das Thema Sensorstabilisierung hören wir oft, auch im slashCAM Forum: “Kamera XY ist gut - aber leider hat sie keine Sensorstabilisierung“. In die gleiche Kerbe schlägt die häufig gestellte Frage, weshalb professionelle (Cine-)Kameras nicht mit Sensorstabilisierung versehen werden, weil gerade hier doch eine „gute“ Stabilisierung – zumal mit manuellen Objektiven – das Maß der Dinge sein müsste.

Das Thema (Sensor-)Stabilisierung hat zugegeben viele Facetten – hier wollen wir uns kurz einmal die Abhängigkeit der Sensorstabilisierung (IBIS) von der genutzten Brennweite anschauen. Wir haben dafür eines der besten Vollformat-Sensorstabilisierungssysteme am Markt (Canon EOS R5) im Vergleich zur Schwestercam aus gleichem Hause EOS R5C (ohne Sensorstabilisierung) angeschaut.

Hier ein Paar Aufnahmen im Vergleich mit und ohne Sensorstabilisierung – wie wir finden mit recht eindeutigen Ergebnissen: Sowohl „Pro“ als auch „Contra“ IBIS.

IBIS und Weitwinkel (24mm)

Bei unserer handgehaltenen Weitwinkel Aufnahme bei 24mm Brennweite kommt es bei der Aufnahme mit Sensorstabilisierung (IBIS+OIS) zu einem typischen „Wobbel“-Effekt der besonders kräftig an den Bildrändern auftritt und der charakteristisch für alle uns bekannten Sensorstabilisierungssysteme im Verbund mit Weitwinkel-Objektiven ist.

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Vergleicht man hierzu die Aufnahme mit der Kamera ohne Sensorstabilisierung (EIS+OIS) wirkt deren Bild deutlich natürlicher und insgesamt ruhiger. Die Aufnahme mit Sensorstabilisierung können nicht „entwobbelt“ werden, während bei der Aufnahme ohne Sensorstabilisierung alle Optionen der nachträglichen Postpro-Stabilisierung noch genutzt werden können – und zwar genau in dem individuellen Umfang und der Stärke, die für das Bild angemessen ist.

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Letztlich geht es hier neben dem natürlichsten Bildeindruck also auch um maximale Kontrolle über das Bild und bei beidem liegt hier klar die Kamera ohne Sensorstabilisierung vorn.

IBIS und Tele (70mm)

Bei den Aufnahmen mit 70mm Brennweite kehrt sich das obige Verhältnis um. Hier punktet die sensorstabilisierte Aufnahme. Die Bildkanten bleiben beim Tele-Ausschnitt vergleichsweise ruhig und die Stabilisierung wirkt nicht unnatürlich.

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Die nicht-sensorstabilisierte Aufnahme ist hier deutlich unruhiger. Die Kamerabewegung gerät abgehackter und spielt sich selbst stärker in den Vordergrund. Im Telebereich würden wir hier zu einer zusätzlichen externen Stabilisierungshilfe wie Steadicam oder Gimbal greifen.

Der Sweetspot ab dem sich die Stabilisierungs-Effekte verschieben, würden wir bei diesem Setup bei ca. 35mm Brennweite sehen.

IBIS versus CINE

Vor diesem Hintergrund wird die Entscheidung der Kamerahersteller, in ihren CINE-Kameras keine Sensorstabilisierungen zu verbauen, greifbarer.

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Zu den hier kurz aufgezeigten Problemen bei Weitwinkelaufnahmen kommen noch eine ganze Reihe anderer Argumente contra Sensorstabilisierung hinzu: Angefangen bei fraglicher Zuverlässigkeit für robuste Einsätze, über Probleme mit Bild-Abweichungen bei Special Effects, Tracking-Shots bis hin zur allgemeinen Bildkontrolle.

Deutlich mehr Sinn machen im Cine-Bereich – wenn es denn kameraintern sein soll - metadatenbasierte Stabilisierungs-Systeme, die Bewegungsdaten für die anschließende Stabilisierung in der Postproduktion zur Verfügung stellen. Hier sehen wir tatsächlich noch Entwicklungspotential.

Quasi diametral zu den Cine-Anforderungen zeigen sich häufig die Bedürfnisse von Solo-Shootern.

 Canon EOS R5, handgehalten, H.265 Log, IBIS on
Canon EOS R5, handgehalten, H.265 Log, IBIS on

Hier kann eine sensorstabilisierte Aufnahme – vor allem bei Portraitausschnitten und handgehaltener Kamera – Zeit, Material und Aufwand sparen.

Fazit

Sensorstabilisierte Kamerasysteme sind nicht per se besser. Wie hier bei Weitwinkel-Aufnahmen gezeigt, können sie unerwünschte Effekte hervorrufen – wohingegen die nicht-sensorstabilisierte Kamera natürlichere Bilder produziert.

Wie so häufig gilt es den Einsatzzweck, den individuellen Aufwand und die zur Verfügung stehende Technik im Blick zu haben und dann eine möglichst informierte Entscheidung zu treffen.

Wer als Soloshooter vor allem weitwinkelig unterwegs ist, sollte sich genau überlegen, ob ein System mit Sensorstabilisierung die richtige Wahl ist. Wer hingegen viel mit Portraitbrennweiten filmt, kann von modernen IBIS-Systemen durchaus profitieren.

   

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