Interviews: Vom Hobby-Tauchen zur BBC Naturdoku: Im Gespräch mit Unterwasser-DOP Lennart Rossenfeld

04.08.2022 von Rob



Lennart Rossenfeld ist Unterwasser-Kameramann und gerade auf gutem Weg, sich in dem kleinen aber feinen Kreis international angesagter Tauch-DOP zu etablieren. Wir hatten Gelegenheit, mit ihm über das Filmen unter Wasser, seine Beziehung zu Haien und Walen, seine Kameratechnik, BBC Naturdoku-Produktionen und vieles mehr zu sprechen ...

Der Weg zum Unterwasserfilm

Lennart, wie bist du zum Filmen gekommen?

Ich komme aus einer Familie, in der das Bild recht tief verwurzelt war. Mein Opa hat sehr viel Super 8 gefilmt und mein Vater ist ein leidenschaftlicher Fotograf. Da war es klar, dass der Sohnemann dann auch Kameras gegenüber nicht abgeneigt war und ich bin schon früh über die Felder gerannt und habe Trecker und alles gefilmt was ich spannend fand.

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Nach ein paar Umwegen habe ich dann nach der Schule bei einer Produktionsfirma eine Lehre als Mediengestalter Bild und Ton angefangen. Nach einem Jahr ist die Firma jedoch insolvent gegangen und ich hätte wieder bei Null angefangen.

Per Zufall bin ich dann bei einem Kameramann gelandet, der häufig für die Firma gearbeitet hatte und bei ihm konnte ich dann meine Lehre abschließen und als Kamerassistent arbeiten. Er ist mein Mentor geworden und er hat mich darin bestärkt an das zu glauben, was meine Passion ist: Tauchen und Filmen.

Die Leidenschaft für´s Tauchen kam vor dem Filmen?

Ja, auf jeden Fall. Meine Eltern tauchen beide und meine Mutter arbeitet als Tauchreiseveranstalterin. Mit 10 habe ich meinen ersten Tauchgang gemacht und mit 12 den ersten Tauchschein. Tauchen war also schon immer mein großes Hobby.

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Dass ich mit der Kamera in´s Wasser wollte kam dann sehr schnell dazu. Ich war 14 / 15 als die GoPro 3 rauskam und das war meine erste „Unterwasser-Kamera“ die ich mir vom Mund abgespart habe. (lacht)

Später während meiner Arbeit als Kameraassistent war ich dann immer derjenige, der mit Freude ins Wasser gesprungen ist, sobald Unterwasseraufnahmen anstanden.

Wie hast du Filmen und Tauchen dann beruflich zusammengebracht ?

Naja, Oldenburg ist nicht gerade das Epizentrum der deutschen Medienlandschaft. Nach meiner Ausbildung musste ich mich entscheiden, ob ich nach Bremen, Köln oder Hamburg zu größeren Medienhäusern/Sendeanstalten gehen wollte. Dann hätte ich aber meinen Traum - Tauchen und Filmen zu vereinen - aufgeben müssen und das wollte ich nicht.

Also habe ich alles auf eine Karte gesetzt und mich selbstständig gemacht und hier kommt jetzt meine Firma „Feed your Dreams“ ins Bild.

Die Idee dazu ist entstanden, als ich mit meiner Mutter über eine Tauch-/Tourismus-Messe gelaufen bin und gesehen habe, wieviel wahnsinnig schlechte Filme da bei den Reiseveranstaltern gelaufen sind. Die versuchten, Reisen für 5-8.000 Euro mit unterirdischem Filmmaterial zu verkaufen.

Also weshalb nicht ein Luxusprodukt wie eine solche Tauch/Resort-Reise nicht mit adäquaten Bildmaterial bewerben? Wir sind dann mit den Leuten ins Gespräch gekommen und da wurde dann auch schnell klar, dass für einen Imagefilm keine 20-30.000 Euro (die er eigentlich kosten würde) verfügbar sind, sondern im Schnitt so ca. 5.000 Euro.

Also mussten wir mehre Partner und Sponsoren zusammenbringen und die Produktion so planen, dass alle davon profitieren. Das war ein Schlüsselmoment für uns.

Ja, und diese Idee ist super gut angekommen. Und da ging es dann direkt los, dass ich einen Monat nachdem ich selbstständig war, mein erstes eigenes Projekt hatte … Danach sind dann immer größere Produktionen hinzu gekommen von Social Media bis hin zu TV.

Mittlerweile filmst du für BBC Naturdokus - die Championsleague der Natur/DOK-Filmer. Wie bist du dazu gekommen?

Ja auch wieder wie so vieles in meiner Karriere: Wenn du dich mit den richtigen Leuten umgibst und da Zeit rein investierst und vielleicht auch mal einen Auftrag umsonst machst, dann hast du manchmal das große Glück, an Leute zu kommen, die entsprechende Produktionen machen.

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So war das auf den Azoren. Ich hab da einen Kunden akquiriert, der den Dienstleister vor Ort für viele Netflix- und BBC-Produktionen gemacht hat. Der hat wiederum mit einem ortsansässigen, sehr guten Kameramann (Nuno Sa) zusammen gerarbeitet - der die Bilder für Blue Planet Teil 2 mit den Orcas gedreht hat Und der Nuno war auch zu dem Zeitpunkt auf den Azoren, als auch ich da war. Und ich konnte dann für 10 Tage bei einer großen BBC-Produktion Sicherheits- und Backup-Kamera unter Wasser machen.

Das war meine erste Erfahrung im Team mit Unterwasserprofis und da habe ich sehr viel gelernt. Bis dahin hatte ich mir alles mehr oder weniger selbst beigebracht. Aber hier konnte ich sehr spezifische Fragen stellen, die mir so bislang noch niemand beantworten konnte.

Hinzu kam für mich eine enorme Motivation, die Messlatte für die Qualität meiner eigenen Aufnahmen hieran zu orientieren.

Was rätst du angehenden (Unterwasser-)DOPs, um erfolgreich zu werden?

Begebt euch in Kreise von guten Leuten und versucht von denen zu lernen. Und das ist halt gerade im Unterwasserbereich ziemlich schwierig, weil man an diese Leute nur schwer rankommt. Die Szene ist sehr klein und international. Bis du wahrgenommen wirst, dauert es.

Es hilft nichts, dass du in den Kiesteich in Deutschland reinspringst und tolle Bilder von einen Hecht machst. Das ist zwar cool und ich will überhaupt nicht sagen, dass Süßwassertauchen oder in deutschen Seen zu tauchen nicht anspruchsvoll wäre – in keinster Weise – aber du wirst in dieser Szene erst wahrgenommen, wenn du spektakuläre Sachen machst. Und dazu musst du nicht mal der beste Kameramann der Welt sein.

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Aber wenn du der Kameramann bist, der gefilmt hat, wie sich zwei Buckelwale paaren, weil du zur richtige Zeit am richten Ort warst und dein Material dann sofort nach Bristol geht (BBC), dann bist du „drin“.

Besonderheiten des Filmens unter Wasser - Tipps und Ausrüstung

Haie sind für dich besondere Tiere ...

Ja, Haie waren für mich schon immer die Tiere, die mich am meisten fasziniert haben. Wer so viel Zeit wie ich an den unterschiedlichsten Stellen im Ozean verbringt, der sieht leider auch, wie die Ozeane kaputt gehen und das lässt sich sehr gut an Haien ablesen. Er ist eine Art Botschafter des Riffs/Ozeans,

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Wenn ein Korallenriff Haie hat, dann kann man sagen das Riff ist gesund – gibt es keine Haie mehr, dann ist es krank. Leider gibt es immer mehr Riffe mit starker Korallenbleiche und zwar überall auf der Welt: Im Roten Meer, in Ägypten, auf den Malediven oder in Indonesien ...

Die Meeresverschmutzung ist ein großes Thema. Ich habe z.B. letztes Jahr auf den Malediven Wahlhaie gefilmt:

Der 8-9 Meter große Fisch steht im Scheinwerferlicht unseres Schiffes senkrecht im Wasser und sammelt Plankton und ich fange an zu filmen. Und auf einmal kommt da eine riesen Plastiktüte, die mit den Meeresströmungen reist und schiebt sich ins Bild. Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein. Dieser Moment ist so schön und er wird gerade von dieser scheiß Plastiktüte zerstört.

Wie filmt man eigentlich Haie – gibt es da Tricks?

Es kommt natürlich immer auf das jeweilige Tier an, aber Haie sind in der Regel relativ einfach zu steuern. Die am weitesten verbreite Praxis sind angefütterte Haie via Bait (englisches Wort Köder). 80% der Haitauchgänge, die ich mache, sind mit angefütterten Haien.

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D.h. wir haben dann einen Korb im Wasser wo Fischreste drin sind. Die Haie riechen das über große Entfernungen und gehen dann dahin, wo es nach Futter duftet. Dann kommen Haie sehr nahe an diese Box ran, in deren Nähe wir dann auch platziert sind.

Viel schwieriger sind Wale. Ich hab im letzten Jahr im November in Norwegen Orcas und Buckelwale gedreht. Und da ist es dann so: Die interessieren sich null für dich. Sobald du Orcas vom Boot aus ausgemacht hast, fährst du 150-300m vor die Tiere, springst ins Wasser und wartest. Dann kommen die Orcas, nehmen einmal kurz den Kopf hoch und schwimmen an dir vorbei. Da hast du vielleicht 10, maximal 20 Sekunden um dein Bild einzurichten, scharf zu stellen und zu filmen. Die kannst du nicht mit Fisch anlocken. Das ganze machst du dann den ganzen Tag 20 Mal und hast am Ende schnittfähiges Material von 40 Sekunden. Das ist dann schon extrem anstrengend.

Was sind die Hauptunterschiede zwischen dem Filmen an Land und unter Wasser?

Puuh, da gibt es so viele Punkte (lacht) – vielfach auch Kleinigkeiten über die man sich erstmal gar nicht so viele Gedanken macht. Zunächst sind wir unter Wasser in einem ganz anderen Element. Mit Tank (Pressluftflasche) haben wir ca. 1 – 1,5 Stunden Zeit unter Wasser – mit speziellen Tauchgeräten auch länger. Die Alternative ist Apnoe-Tauchen, ohne Gerät nur mit einem Atemzug. Grundsätzlich bist du also zeitlich stark limitiert. Du kannst dich nicht – wie über Wasser (etwa für Löwen) – 10 Stunden auf die Lauer legen.

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Dann ist die Kommunikation unter Wasser stark eingeschränkt. Ohne verabredete Zeichen funktioniert es nicht, wenn du deinem Protagonisten sagen willst, wie er sich im Bild verhalten soll. Das stellt man sich einfach vor. Es ist in der Praxis aber sehr schwer, entsprechende Bildanweisungen zu geben.

Dann bringt das Element Wasser viele physikalische Punkte mit: Wir haben ganz andere Brennweiten unter Wasser, andere Schärfepunkte und den großen Faktor Farbe. Ab 5m Wassertiefe verlieren wir die Farbe rot. Ab 10 m ist sie nur noch zu 50% vorhanden. Ab 15m ist sie fast komplett weg. Das macht das Thema Weißabgleich zur großen Herausforderung unter Wasser.

Per Weiss- oder Graukarte musst du alle 5m einen Weißabgleich machen, weil sich Licht und Farben entsprechend verändern. Erschwerend kommt hinzu, dass du meistens in konstanter Bewegung bist: Erst 5, dann mal 10m ,dann mal kurz auf 20m und dann auf 15m. Da kommen viele Weißabgleiche zusammen.

Ab 5m Tauchtiefe arbeite ich prinzipiell immer mit einem Rotfilter. Der kann allerdings auch zum Problem werden, wenn ein Split-Shot gemacht werden soll oder wenn noch gefilmt werden soll, wie jemand ins Wasser geht. Dann muss ich die Kamera aus dem Gehäuse nehmen, Rotfilter abbauen, wieder einbauen drehen und dann das ganze nochmal mit Rotfilter zurück. Die Drehplanung ist damit auch sehr viel umfangreicher als über Wasser, weil man Filter, Objektiv etc. nicht nach Belieben wechseln kann. Dein System ist in der Regel für die nächsten 1.5 Stunden gesetzt.

Hast du eine Lieblingsbrennweite – ein Immer-Drauf-Objektiv?

Und lassen sich Objektive unter Wasser wechseln?

Klares JEIN (lacht). Ich arbeite vor allem mit zwei Objektiven: Dem 16-35mm und dem 24-70mm. Wenn ich mit großen Tieren wie Orcas oder großen Haien arbeite, dann brauche ich mehr Weitwinkel. Arbeite ich hingegen im Korallenriff, wo ich viele Vordergründe habe, viel Kleinfisch und ich ein bißchen „spielen“ kann, arbeite ich total gerne mit einer 24-70mm, weil die 24 noch genug Weitwinkel bieten, ich aber auch in den Telebereich hineinkomme und Macro-Arbeit machen kann.

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Es gibt auch Naßwechselsysteme, bei denen man die Domports unter Wasser wechseln kann. Da arbeitet man dann z.B. mit einer 100mm Linse und packt dann unterschiedliche Domports drauf mit Weitwinkel, Macro etc. Aber diese Systeme sind für mich eher hinderlich, weil die nach vorne sehr weit aufbauen und ich versuche, mein System so kompakt wie möglich zu halten.

Wie setzt man eigentlich Schärfe unter Wasser? Manuell, automatisch, mit externem Monitor?

Eigentlich mit allem, was du gerade genannt hast. Ich arbeite mit einer Panasonic S1H und die AF-Systeme sind mittlerweile so gut geworden und arbeiten sogar auch mit Fischen (lacht). Die Gesichtserkennung, die wir von Menschen kennen, funktioniert teilweise auch bei Tieren.

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Wenn sich Tiere sehr viel bewegen, arbeite ich gerne auch mal mit dem Autofokus. Wenn man aber z.B. einen Oktopus im Riff dreht, ist der kaum von der Umgebung zu unterscheiden. Da nutze ich den manuellem Fokus. Dafür gibt es spezielle Ringe, die man auf die Optik aufbaut - ähnlich wie man das von Überwasser kennt – und mit denen ich dann manuell die Schärfe ziehen kann.

Um den Fokus unter Wasser beurteilen zu können, habe ich noch einen externen Monitor an der Kamera dran. Wenn ich Tank tauche, haben ich den Monitor immer drauf – wenn ich freitauchend unterwegs bin, mache ich das mit den internen Monitor, um das System kompakt zu halten.

Spielen hohe Frameraten eine Rolle?

Ja auf jeden Fall. Ich drehe eigentlich alles in 4K 50p V-Log. 25p sind die Ausnahme. Die Option zu haben, die Tiere in verlangsamter Zeit zu sehen, ist einfach auch bildästhetisch sehr schön.

Wie wichtig ist Bildstabilisierung unter Wasser?

Stabilisierung ist sehr wichtig und häufig eine Frage deiner Tauchkompetenz. Es geht hier vor allem um die richtige Tarierung und deine Bewegung unter Wasser. Mit der Tarierweste stellst du deinen Auftrieb unter Wasser ein. Optimal ist hier – angepasst an die jeweilige Tauchtiefe – ein Schwebezustand. Gleiches gilt für dein Kamerasystem. Wenn du es optimal eingestellt hast, filmst du wie auf einem Stativ. Allerdings musst du auch deine Eigenbewegung im Griff haben. Ein falscher Flossenschlag und dein Bild ist ruiniert.

Was ist dein abschließender Tip für angehende DOPs?

Für mich war zentral: Will ich meinen Traum vom Unterwasserfilmen verwirklichen oder nicht. Sobald ich das für mich positiv entschieden hatte, war klar, dass ich das nur selbstständig hinbekommen würde und meine gesamte Energie darauf setzen muss.

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Ich denke es macht nur Sinn sich selbstständig zu machen, wenn man einen Sinn hinter dem sieht, was man machen will. Vor allem, wenn man eine Vision hat.

Ich will halt nicht nur für YouTube Unterwasservideos machen. Ich möchte irgendwann mal die Filme machen, von denen man sagen kann: Das hier ist der Lennart Rossenfeld aus Deutschland, der macht voll den krassen Kram.

Lennart – vielen Dank für dieses Interview

(alle Bilder Copyright by Lennart Rossenfeld)

   

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