Test: Dynamic Shootout - Alle gegen ARRI (u.a. Panasonic S1H und Nikon Z9)

09.08.2022 von Rudi Schmidts



Nachdem wir ja kürzlich eine ARRI Mini LF gegen die Sony VENICE 2 in unserem Dynamik-Test antreten ließen, konnte ARRI hier weiterhin seine Führungsposition behaupten. Doch wir wollen die Gelegenheit nutzen und das Gesamtbild noch vervollständigen. Wie schlagen sich ARRI und VENICE 2 gegenüber den bisher besten DSLMs aus unserem Testlabor?

In den letzten Monaten kristallisierten sich die Panasonic S1H mit VLog und RAW sowie die Nikon Z9 mit internem RAW als die DSLM-Modelle heraus, die in unserem "Augentest" bislang am besten abschnitten. Da die beiden Vollformat-DSLM Modelle ebenfalls einen Sony-Sensor besitzen, stehen der ARRI LF in diesem Vergleich nun gleich drei Sony Large Format Sensoren gegenüber. Wobei es natürlich besonders spannend ist, ob und wenn ja wie weit die relativ günstigen DSLMs nun in dieser Disziplin von der ARRI Mini LF und der Sony VENICE 2 8K abgehängt werden.

Panasonic S1H und Nikon Z9 Sensoren

Die Panasonic S1H bringt bei 6K RAW-Aufzeichnung ebenfalls eine Dual Native ISO Funktionalität mit, was sie ähnlich wie die Sony VENICE 2 in Available Light Umgebungen besonders flexibel macht. Im Gegensatz zur Sony bietet die Panasonic dabei nicht nur einen Base ISO Abstand von zwei Blendenstufen (ISO800/3200) sondern - nicht nur in V-Log - sogar 2 2/3 Blendenstufen (ISO640/4000).

Die Panasonic S1H
Die Panasonic S1H

Die größere Spreizung macht diese Funktion in unseren Augen flexibler einsetzbar, wobei wir keine direkten Erkenntnisse über eventuelle Qualitätsabstriche aufgrund einer höheren Spreizung haben. Wir fragen uns allerdings schon länger, aus welchen Gründen Sony diesen Dual Native ISO Abstand bei der eigenen VENICE 2 eher gering ausgelegt hat.

Die Nikon Z9 beeindruckt dagegen mit interner TicoRAW Aufzeichnung bis 60p, die für besonders portable Setups einen zusätzlichen RAW Recorder überflüssig machen kann. Dabei kostet die gesamte Kamera mit 60p-8K-RAW Recording, Sucher und Display unter 6.000 Euro. Was im Vergleich zu Cine-Kameras mit ähnlichen Spezifikationen fast schon wie ein Preisfehler klingt. Trotz Sony-Sensor besitzt die Nikon Z9 allerdings nur eine einzige, feste Base ISO von 800 in N-Log/RAW.

Die Nikon Z9
Die Nikon Z9

Was gibt es hier zu sehen?

Wir filmen mit verschiedenen Kameras immer den gleichen Ausschnitt unseres Testkastens - ausgehend von einer Basisbelichtung (ETTR-0), bei der die Haut unseres Puppenkopfes gerade nicht mehr clippt. Von dieser Einstellung aus blenden wir sukzessive in Schritten von ganzen Blendenstufen ab und korrigieren diese Aufnahmen wieder zurück auf die Helligkeitsverteilung der ETTR-0 Referenz.

Je besser die Darstellung des Auges in den "höheren" ETTR-Einstellungen, desto besser bewerten wir die Dynamik der getesteten Kamera. Dies macht natürlich vor allem im direkten Vergleich mit anderen Kameras Sinn. Die beste Youtube-Qualität bekommt man übrigens beim Betrachten des Videos als 4K Stream zu Gesicht - auch auf Displays mit geringerer Auflösung - weil das Rauschen sonst recht deutlich der Youtube-Kompression zum Opfer fällt.

Alle gegen ARRI

Werfen wir also einen frischen Blick auf unseren neuen Vergleich mit der ARRI ALEXA LF, der Sony VENICE 2 8K, der Panasonic S1H sowie der Nikon Z9:

Unsere eigenen Erkenntnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

ARRI spielt mit der ALEXA Mini LF noch immer in einer eigenen Klasse, die fast eine Blendenstufe über den übrigen Konkurrenten liegt. Auch die besten Vollformat DSLMs können trotz RAW Aufzeichnung nicht ganz an ARRI herankommen.

Die getesteten DSLMs spielen dagegen mit der Sony VENICE 2 8K bei der Dynamik in einer Liga, was auch schon eine beachtliche Leistung für sich darstellt. Die S1H bieten dazu ebenfalls Dual Native ISO, die Z9 dagegen wie die VENICE 2 eine volle 8K RAW-Auflösung mit bis zu 60p.

Betrachtet man gerade die extremsten ETTR-Belichtungen ab -8, so fällt zusätzlich die deutliche Farbkonstanz der ARRI ins Auge. Die Farben bleiben hier selbst im tiefsten Rauschen noch bestmöglich erhalten.

Apropos Rauschen: Die ARRI hat "in unseren Augen" subjektiv das gefälligste Rauschen, welches man aufgrund der starken Vergrößerung sehr klar herausgearbeitet sehen kann. Es erinnert stellenweise mehr an ein Druckraster oder ein Filmkornmuster und hat dadurch eine organische Anmutung. Auch scheint es insgesamt monochromatischer und damit visuell nicht so aufdringlich.

Die Rauschpattern der Konkurrenten sind jedoch nicht direkt zu vergleichen, weil sie aufgrund der höheren Sensorauflösung deutlich feiner ausfallen. Das kann auch ein Vorteil sein, denn hiermit lässt sich (besonders in 8K) nicht nur effektiver denoisen, sondern auch noch besser ein eigener Grain hinzufügen, weil das Bild für eine Grainsimulation mehr nutzbare Details mitbringt.

Ausblicke

Das Testfeld ist mittlerweile sehr eng, was wir in den letzten Monaten ja auch schon öfter kritisch bemerkt haben. Maximal eine Blendenstufe Abstand in unseren Tests sind zwar in der Praxis durchaus zu bemerken, aber dürften letztlich bei szenischer Licht-Planung kein Dealbreaker sein. Zudem ist bei kleinen Sensoren mit geringer Dynamik unter 10 Blendenstufen eine zusätzliche Blendenstufe weitaus relevanter als ein Unterschied zwischen 13 und 14 Blendenstufen.

Kurz: Es dürften heute sehr wahrscheinlich andere Faktoren als die maximale Dynamik sein, die letztlich zu der Entscheidung der eingesetzten Kamera führen. Doch das wird nicht so bleiben. Denn wenn ARRI mit seiner Marketing-Aussage nicht übertreibt (wozu sie in den letzten Jahren nicht neigten), dann dürfte die kommende ALEXA 35 den Abstand zur Konkurrenz mit weiteren 2,5 Blendenstufen wieder deutlich vergrößern.

Und noch eine Überraschung steht im Raum: Glaubt man den Gerüchten, so soll der Nachfolger der Panasonic S1/S1H über einen ähnlichen Dynamic Boost Modus verfügen, wie die GH6 aus dem gleichen Hause. Letztere gewann durch diese Technologie in unseren Tests deutlich an Dynamik. Und dies könnte einen S1(H) Nachfolger ebenfalls in rekordverdächtige Dynamik-Gefilde hieven. Was wiederum die Konkurrenz auch zu weiteren Bewegungen animieren dürfte.

Wir denken daher, dass wir in spätestens einem Jahr in unseren Dynamiktests noch einmal deutlich bessere Ergebnisse sehen werden. Was auch die Smartphones letztlich noch eine Weile auf Abstand halten sollte. Falls diese nicht ebenfalls durch doppelte Auslesung und AI-Korrekturen große Dynamik-Sprünge machen. Es bleibt mit Sicherheit spannend und wie man sieht, ist noch eine Menge Luft "drin", auch wenn die aktuellen Modelle gerade eher nach Dynamik-Stagnation riechen...

   

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