Test: David gegen Goliath - Canon C70 gegen ARRI Alexa LF im Dynamic Shootout

15.11.2022 von Rudi Schmidts



Wir haben ja gerade erst eine Dynamik Einschätzung zu Canons C70 abgeliefert, deren RAW-Aufzeichnung S35/APS-C Consumer-Kameras deutlich hinter sich lässt. Doch wie schlägt sich Canons relativ günstige Cine-Camera gegenüber dem Cine Goliath ARRI LF?

In unserem letzten Dynamikvergleich zeigte Canon der Consumer-S35-Konkurrenz klar, wo der Hammer hängt. Oder besser gesagt, was eine Canon Cine-Camera zu leisten vermag, wenn der Cripple-Hammer im Schrank hängen bleibt ;)

Doch wer Cine sagt und zugleich S35 meint, muss sich am Ende immer auch an der letzten Referenz messen lassen. Und die kommt seit über einem Jahrzehnt aus dem Hause ARRI. Wir hatten immer noch nicht die neue ALEXA35 bei uns in der Redaktion, sehr wohl aber die ALEXA LF, die ebenso ungeschlagen bislang bei uns die offizielle Dynamikkrone trägt.

Nun empfindet es so mancher vielleicht schon fast als Blasphemie, eine 5.000 Euro Canon-Kamera gegen eine ARRI-Kamera zu stellen. Allerdings haben wir die entsprechenden Clips ja herumliegen und können es deswegen einfach mal versuchen...

ARRI ALEXA Mini LF

Als Grund für ARRIs Vorsprung wurde in der Vergangenheit oft eine Besonderheit im Sensor-Design angeführt, die man bei Consumer-Sensoren in der Regel nicht findet. Die Rede ist von einem dualen Gain-Design, welches jede Photodiode (Sensel) simultan mit zwei Empfindlichkeiten auslesen kann. Im Fall von den meisten ARRI ALEXA Modellen werden hierbei zwei 11 Bit-Werte ausgelesen und zu einem 16 Bit Wert gepoolt. Außerdem besitzt die ARRI ALEXA Mini LF für ihre ziemlich große Sensorfläche (36,70 x 25,54 mm) eine relativ geringe 4K-Auflösung, wodurch die einzelnen Sensel sehr groß ausfallen und somit entsprechend viele Photonen einfangen können.

Die ARRI ALEXA Mini LF
Die ARRI ALEXA Mini LF

Canon EOS C70

Die Canon C70 besitzt ebenfalls einen "Dual Gain Output"-Sensor (DGO), der seine Dynamik aus zwei gleichzeitig ausgelesenen Sensel-Signalen generiert. Die DGO-Technik von Canon scheint die Zusammenlegung des Signals jedoch nicht in der Sensor-Hardware zu bewerkstelligen. Stattdessen werden beide Signale zum DSP transportiert und dort dann zusammengelegt. Bei einem solchen Dual Gain Design limitiert der Bus als Nadelöhr zwischen Sensor und DSP die maximale DGO-Framerate.

Die Canon EOS C70
Die Canon EOS C70

Was testen wir?

Um einen vergleichbaren Eindruck von der Dynamik zu bekommen, richten wir unsere Testkasten-Szene mit festem Weißabgleich auf 3200K ein. Dann tasten wir uns mit Blende und Belichtungszeit an eine Einstellung heran, in der die Haut unseres Puppenkopfes nicht mehr clippt und definieren diese Einstellung als ETTR-0. Von dieser Einstellung aus blenden wir sukzessive in Schritten von ganzen Blendenstufen ab (primär über die Belichtungszeit und dann - falls anschließend noch weiter notwendig - über ND-Filter oder Blendenring.)

Die hierbei entstehenden Aufnahmen bilden eine Blendenreihe mit jeweils einer zusätzlichen Blendenstufe "Unterbelichtung". Diese Aufnahmen korrigieren wir in Blackmagic DaVinci Resolve wieder zurück auf die Helligkeitsverteilung der ETTR-0 Referenz.

Je besser die Darstellung des Auges in den "höheren" ETTR-Einstellungen, desto besser bewerten wir die Dynamik der getesteten Kamera. Dies macht natürlich vor allem im direkten Vergleich mit anderen Kameras Sinn. Da Standbildaufnahmen der Augen nur eine bedingte Einschätzung ermöglichen, sind wir mittlerweile auf eine Bewegtbild-Darstellung der Blendenstufen übergegangen.

Die Ausspielung der Augen erfolgt dabei um ein vielfaches vergrößert, damit die zusätzliche Youtube-Kompression nicht sonderlich stark in die Bewertung einfließt. Die beste Qualität bekommt man daher beim Betrachten des Videos als 4K Stream - auch auf Displays mit geringerer Auflösung.

Dynamic Shootout

Für diese Gegenüberstellung haben wir uns noch etwas Besonderes einfallen lassen. Wie bereits im früheren Vergleich der C70 erwähnt, lässt sich die Dynamik von Canon RAW in der Postproduktion noch gut mit einer Noise Reduction pushen. Eben weil Canon sein Signal in RAW eben sehr "roh" und damit rauschend ausliefert.

Das gilt natürlich ebenso für die ARRI Alexa Mini LF, der wir ebenfalls eine temporale Noise Reduction auf den Weg in einem zweiten Clip mit auf den Weg gegeben haben.

Dazu sei gleich vorneweg kritisch angemerkt, dass eine Noise Reduction auf ein stehendes Motiv natürlich mit einer großen Prise Skepsis bezüglich der Praxisrelevanz zu behandeln ist. Vielmehr sollte man das Ganze eher als eine "Ausreizung des maximal Möglichen im Best Case" verstehen. In diesem Sinne Vorhang und Augen auf:

Erkenntnisse

* Bezüglich der "Erkennbarkeit" von Details in hohen ETTR-Stufen spielt die Canon C70 in der gleichen Liga wie die ARRI Alexa Mini LF. Tatsächlich können wir somit der Canon C70 eine vergleichbare Dynamik wie der ARRI LF bescheinigen. Doch wie bei der Angabe der Dynamik als reine Zahl, ist damit noch nicht alles gesagt. Denn die Unterschiede liegen wie so oft im Rauschen.

* Der ARRI Grain wirkt deutlich analoger als das Rauschen bei Canon. Dazu finden sich im Rauschen der Canon bei sehr hohen ETTR-Stufen Pattern Noise Muster.

* Im Gegenzug scheint der ARRI-Grain für die Temporale Noise Reduction von Resolve schwieriger zu analysieren zu sein. Die Noise Reduction gelang mit der C70 in Resolve deutlich besser, weshalb sich die Kamera in dieser Disziplin sogar vor einer ARRI LF platzieren kann. Es bleiben beim C70 Material in den extremsten ETTR-Stufen mit Noise Reduction schlichtweg mehr brauchbare Details übrig.

Fazit

Erstaunlich, dass man bisher so wenig über die bemerkenswerte Dynamik der C70 im später hinzugekommenen RAW Modus zu lesen und sehen bekommt. Selbst wenn der Vergleich schon wegen der Sensorgrößen hinkt: Was Canon hier in einem Paket für 5.000 Euro anbietet, erweist sich neben einer ARRI 4K Large Format (!!) Kamera als vergleichsweise günstiges Dynamik-Wunder. Dass hierbei zudem die RAW-Aufzeichnung auf einfachen SD-Karten möglich ist, macht die Kamera noch reizvoller.

Wir haben für diesen Test eine Kioxia Exceria Pro 256 GB SD-Speicherkarte verwendet, die im Zusammenspiel mit der Canon C70 absolut unauffällig und problemlos in allen verfügbaren Codec-Formaten funktionierte.

   

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