Meinung: Digitale Avatare im Metaverse - doch das nächste große Ding?

03.10.2023 von Rudi Schmidts



Eigentlich war es schon wieder recht ruhig um Mark Zuckerbergs Metaverse-Phantasien geworden - nicht nur weil kurz nach der Präsentation seiner 3D-Zukunftsideen plötzlich generative KI als alles beherrschendes IT-Hype-Thema die Aufmerksamkeit der Medien übernommen hat.

Auch sonst mangelte es vielen Beobachtern (inklusive uns) an einer funktionierenden Vision, dass man gerne und freiwillig wirklich mehrere Stunden am Tag unter einer Datenbrille in Kommunikation mit anderen Avataren verbringen würde, die bislang in der Regel recht kindisch wirkten. Zudem erinnerte das Ganze verdächtig das letzte "Big Thing" aus dem virtuellen Raum: "Second Life". Und an dessen spektakuläres Scheitern inklusive dem nahezu kompletten Verschwinden aus dem kollektiven Gedächtnis. Tatsächlich erinnert sich heute kaum noch jemand an Linden Labs virtuelle Welt, in der auch renommierte Firmen wie Adidas, Coca-Cola, Microsoft oder IBM eine Menge echte Dollar in virtuellen Immobiliendeals versenkten.

Kurz, das Metaverse von Meta (nicht das von Neal Stephenson) hatten die meisten schon wieder abgeschrieben, bevor Meta überhaupt damit richtig loslegen konnte Und an diesem Eindruck hatte Meta auch selbst Schuld. Denn in seinen Börsenberichten der letzten Quartale fand das Projekt kaum noch Erwähnung. Stattdessen hielt man die Anleger lieber mit dem Buzzword "KI" bei Laune.

Doch Totgesagte leben bekanntlich länger und plötzlich häufen sich ein paar spannende Lebenszeichen. Das bislang beste virale Marketing für das Metaverse machte nun letzte Woche Lex Fridman, der seinen reichweitenstarken IT-Videopodcast komplett im Metaverse produzierte. So machte er ein typisches Face-To-Face Interview mit Mark Zuckerberg, der jedoch weit entfernt in einer anderen Stadt unter einer Cyberbrille Rede und Antwort stand.

Das wäre an sich nichts wirklich neues, jedoch gibt es mit den neuen Codec-Avataren nun erstmals einen Realismus zu bestaunen, der jetzt doch aufhorchen "aufsehen" lässt.

Neu ist, dass Meta mit einem Vorscan der Person das Problem gelöst hat, dass man den Gegenüber nicht mit einer Datenbrille zu sehen bekommt, sondern dessen unverstelltes Gesicht - mit extrem korrekt übernommener, menschlicher Mimik. Aus diesem Scan wird ein sogenannter Codec Avatar erzeugt, mit dem man seinen eigenen Körper im Netz frei von sichtbarer AR-Technik nutzen kann.

Metas Codec Avatar
Metas Codec Avatar

Wer am Anfang des Videos sieht und hört, wie authentisch baff Lex Fridman von dieser Technologie im Einsatz ist, könnte erahnen, dass sich hier vielleicht wirklich eine neue Dimension digitaler Kommunikation öffnet.

Tatsächlich benötigt die neue Technik keine externen Kameras außerhalb des Helms, um die eigene Mimik aufzuzeichnen. Erstmals ist alles, was für eine virtuelle Kommunikation in dieser Form notwendig ist, im Helm integriert - was wiederum die Akzeptanz zur Nutzung erhöht und einer weiteren Verbreitung der Technologie sicherlich förderlich ist.

Auffällig ist jedoch auch der Zeitpunkt, an dem Meta nun mit dieser viralen Präsentation der Technologie an die Öffentlichkeit geht. Denn im Grunde ähnelt Metas neue Virtual Reality Brille in vielen Aspekten Apples Vision Pro Brille - nur zu einem Bruchteil des Preises.

Apple hat mit seiner "Digital Persona" eine recht ähnliche Technologie angekündigt, die jedoch aufgrund der recht teuren Vision Pro Brille erst einmal einem breiten Publikum verwehrt bleiben wird.

Apples "Digital Personas" werden erst einmal nur in Face Time funktionieren
Apples "Digital Personas" werden erst einmal nur in Face Time funktionieren

Ermöglicht wird die neue Technologie übrigens letztlich dann auch mittels KI. Denn für den Kopf- und Körper-Scan soll in Zukunft nicht mehr wie bislang ein aufwändiges Scan-System notwendig sein. Vielmehr wird sich der eigene Avatar zu Hause mit günstiger Technik selbst erstellen lassen. Und das wichtigste für eine weite Verbreitung dieser Technologie ist natürlich ein massentauglicher Preis der Technologie. Hier dürfte Meta gegenüber Apple einen deutlichen Vorteil bieten. Auch durch seine zahlreichen, riesigen sozialen Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Whatsapp kann Meta seine Technologie natürlich schnell einer breiten Masse bestehender Anwender zugänglich machen. Apple wird dagegen wahrscheinlich mit Face Time nur seine typische Apple-Nische bedienen, doch noch ist natürlich nichts in Stein gemeißelt.

Was wir hier gerade erleben, ist wahrscheinlich wirklich der breitere Einstieg in eine digitale virtuelle Welt, in welcher der eigene digitale Avatar sogar mit einem guten alten Freund aus einer anderen Stadt virtuell ein echtes Bier trinken kann. Ohne sich dabei unnatürlich digital verbunden zu fühlen.

Und sollte sich diese Technik auf breiter Front durchsetzen, wird dies wiederum zahlreiche Möglichkeiten eröffnen, in der digitalen Welt zusätzliche Goodies für seine virtuelle Umgebung zu monetarisieren. Auch das gab's schon im Second Life. Aber vielleicht ist ja das auf uns nun zukommende "Third Life" von etwas längerer Dauer. Spannend wird´s jedenfalls.

   


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